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Glyphosat_in_der_Landwirtschaft_rcklufig_19-01-18.jpgPflanzenschutzindustrie mit Umsatzrückgang

Pflanzenschutzmittel stehen massiv in der Kritik von Verbraucherverbänden. Dies zeigt die aktuell in Berlin stattfindende Grüne Woche. Ob die Kritik berechtigt ist, ob insbesondere das Pflanzenschutzmittel Glyphosat verherrende Folgen für unsere Umwelt und unser eigenes Leben hat, soll mit sich widersprechenden Forschungsergebnissen belegt und widerlegt werden. Wen sollen wir Journalisten glauben, wen sollen wir alle alle Verbraucher glauben? Wir befinden uns alle auf einem schmalen Grad der Wahrheitsfindung. Beispiele aus der Vergangenheit zeigen aber, das Verbraucherschützer der Realität einen Schritt näher waren wie zum Beispiel bei der Atomkraftnutzung als auch bei der Verwendung von Zucker in der Nahrung. Gewiss, zwei Extrembeispiele. Doch wie wollen wir uns den Tatsachen und Vermutungen sonst nähern?

Fakt ist, der Pflanzenschutzmittelmarkt in Deutschland ist im dritten Jahr in Folge zurückgegangen. Im Direktgeschäft mit dem Großhandel erzielten die im Industrieverband Agrar e. V. (IVA) organisierten Unternehmen der deutschen PflanzenschutzIndustrie 2017 einen Umsatz von 1,385 Milliarden Euro (2016: 1,415 Mrd. Euro). Das bedeutet ein Minus von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wie der IVA bei einem Pressegespräch im Rahmen der Internationalen Grünen Woche in Berlin mitteilte.

Der Markt für Pflanzenschutzmittel ist zuletzt erheblich geschrumpft; der Gesamtumsatz der Branche lag im Vorjahr sogar noch unter dem Volumen des Jahres 2012. Diese Entwicklung veranschaulicht, dass Landwirte keineswegs – wie oft behauptet wird – immer mehr Pflanzenschutzmittel einsetzen, sondern die Nachfrage maßgeblich von Faktoren wie der Witterung oder dem Krankheitsdruck abhängt“, kommentierte IVA-Präsident Dr. Helmut Schramm die Zahlen.

Diese Einschätzung unterstrich auch der Geschäftsführende Gesellschafter des Agrar-Marktforschungsunternehmens Kleffmann Group, Burkhard Kleffmann. Nach Analysen seines Hauses sind bestimmende Faktoren für einen höheren Pflanzenschutzeinsatz Witterungseinflüsse, aber auch die Verzögerung von Zulassungen für neue Produkte. Neben pflanzenbaulichen Maßnahmen bewirken der variable Einsatz verschiedener Wirkstoffe und verbesserte Ausbringungstechnik dagegen einen minimierten Einsatz.

Zur Diskussion um den Wirkstoff Glyphosat präsentierte Kleffmann die aktuellen Verbrauchszahlen, die sein Unternehmen im Markt ermittelt hat. „Nach unserer Analyse ist der Glyphosat-Verbrauch im Jahr 2017 abermals um 6 Prozent zurückgegangen. Gegenüber dem Peak von 2012 setzten die Landwirte in Deutschland im vergangenen Jahr sogar 43 Prozent weniger ein“, erläuterte Kleffmann.

Schramm monierte abermals die schleppende Bearbeitung von Zulassungsanträgen für neue Pflanzenschutzmittel. Zwar sei Bewegung in die Frage gekommen, nachdem Gutachter im Auftrag der Europäischen Kommission in einem Ende 2016 veröffentlichten Audit festgestellt hatten, dass seit Inkrafttreten der EU-Pflanzenschutzverordnung 1107/2009 in Deutschland noch kein Zulassungsantrag in der vorgesehenen gesetzlichen Frist beschieden wurde. Viele der systembedingten Mängel im deutschen Zulassungsverfahren sind nach Ansicht des IVA immer noch nicht behoben. „Wir erleben gerade, dass zuletzt mehr Anträge bearbeitet und entschieden wurden. Aber der Zulassungsstau ist längst noch nicht abgebaut – er wächst jetzt nur langsamer“, kritisierte Schramm.

Die Diskussion über die Zukunft glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel ist im Rahmen der Zulassungsverfahren jetzt auf nationaler Ebene angekommen. Dazu erhofft sich Schramm eine Versachlichung der Debatte, die den Nutzen von Glyphosat für eine nachhaltige Landwirtschaft nicht länger ausblendet. „Die Nutzung des Wirkstoffs war in den zurückliegenden Jahren stark rückläufig. Auch das ist ein Indiz dafür, dass Landwirte die gesellschaftliche Debatte sehr ernst nehmen und Anwendungen kritisch überprüft haben“, so Schramm.