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Heilwald_26-09-18.jpgDer Wald

Unser deutscher Wald ist etwas ganz besonderes. Das schätzen wir erst dann, wenn kein Wald weit und breit sichtbar ist. Damit unser Wald erhalten bleibt, wurde vor vielen hundert Jahren schon über Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft nachgedacht. Doch erst als der Bestand stark abnahm, wurde aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit die Nachhaltigkeit festgelegt: es darf nur soviel Holz aus dem Wald genommen werden, wie nachwächst. Diese Regelung trat dort zuerst auf, wo der Holzbestand stark dezimiert wurde. In der Harzer Bergwerken war der Holzbedarf zum Abstützen der Stollen riesig. Aber der Bestand nahm in großen Schritten ab. Um 1700 wurde dann die Nachhaltigkeit verankert. Heute ist der Holzbestand extrem hoch und der Wald stellt sozusagen ein meist riesiges Landesvermögen dar.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel kann mit vielen Welterbe-Buchen und Weltklasse-Eichen dienen, hat aber auch bei neuen Trends rund um den Wald die Nase vorn: Mit Heil- und Klimawäldern.

Als Ende Juni 2011 fünf deutsche Waldgebiete zum Welterbe der Menschheit erhoben wurden und damit plötzlich den gleichen herausragenden Status genossen wie die Victoria-Fälle oder Darwins Galápagos-Arche, war die Freude in Mecklenburg-Vorpommern doppelt groß. Denn was die UNESCO damals würdigte, gab es gleich zweimal im Lande: Buchenwälder von universellem Wert, „die als Ökosysteme das Erscheinungsbild eines ganzen Kontinents in einzigartiger Weise geprägt haben.“

Welterbe: Buchenwälder auf Rügen und an der Müritz

Im Nationalpark Jasmund auf der Insel Rügen etwa fasziniert die grandiose Kulisse des Buchenwalds, der sich von den weißen Kliffhängen der Kreideküste spektakulär ins blaugrüne Meer hinabzustürzen scheint. Dass die Buchen hier nicht nur überlebten, sondern auch prächtig gediehen und richtig alt wurden, ist dem Standort zu verdanken – der unzugänglichen Lage wegen wurde der Jasmunder Buchenwald nie forstwirtschaftlich genutzt. Und so wachsen hier unter hohen Buchenwipfeln vollkommen ungestört Riesenschachtelhalm und Zwiebelzahnwurz, blühen seltene Orchideen wie der Frauenschuh, brüten Wanderfalken und Seeadler, siedeln Mehlschwalben in großen Kolonien an den Hängen des Kreidekliffs.

Auch der Buchenwald von Serrahn im Müritz-Nationalpark ist ein typischer Tiefland-Buchenwald, wie es ihn nur noch im Nordosten Deutschlands gibt. Eine von der Eiszeit hügelig geformte Waldlandschaft mit hunderten Seen, Mooren und Wiesen, in der sich ebenfalls viele seltene Tier- und Pflanzenspezies ausgesprochen wohl fühlen. Im wasserreichen Biotop leben Kraniche und Rohrdommeln, brüten See- und Fischadler. In alten Baumriesen und abgestorbenen Totholzstämmen wohnen Rote-Liste-Sorgenkinder wie die Mopsfledermaus, Käfer-Notfälle wie der Eremit, Schmarotzer-Pilze wie der Buchen-Schleimrübling und zahllose andere Insekten, Pilze, Flechten und Moose.

Ähnlich wie auf Rügen gibt es auch in Serrahn schon seit langer Zeit keine intensive fortwirtschaftliche Nutzung mehr. Schuld – aus heutiger Sicht ein enormer Segen – war die Jagdleidenschaft der Großherzöge von Mecklenburg-Strelitz, die dieses Revier sogar umzäunten, um es vor Jagdfrevel und Holzdiebstahl zu schützen. Bereits 1952 wurden die Wälder zum Naturschutzgebiet erklärt und 1990 schließlich in den neuen Müritz-Nationalpark integriert. Wo die alten Stämme erahnen lassen, wie die einstigen Urwälder in ganz Deutschland einmal ausgesehen haben.

Weltklasse: Die Eichen von Ivenack

Sagenhafte 1000 Jahre! Die Eichen von Ivenack bei Stavenhagen keimen, als slawische Siedler ihr Weidevieh in die Wälder treiben. Sie strotzen bereits vor Kraft, als die Zisterzienser-Nonnen des Klosters ab 1252 dasselbe tun. Zur Reformation haben sie schon stattliche 500 Jahresringe auf dem knorrigen Zähler. Und heute, noch einmal 500 Jahre danach, ragt das mächtigste der sechs erhaltenen XXL-Exemplare wie eine gigantische Säule gen Himmel – mit einem Volumen von 180 Kubikmetern Holz das älteste und stärkste Lebewesen in Deutschland.

Zwischen den Wipfeln: Baumkronenpfade auf Rügen und in der Seenplatte

Seit August 2017 können Besucher den tausendjährigen Bäumen übrigens auf Augenhöhe begegnen – auf einem Baumkronenpfad in 20 Meter Höhe. Dessen Höhepunkt ist eine 40 Meter hohe Aussichtsplattform, die per Aufzug erreichbar ist. Der behindertengerecht angelegte Wanderweg durch alle Wachstumszonen der Bäume hat eine Gesamtlänge von 620 Metern und ermöglicht einen perfekten Rundumblick in die Landschaften der Mecklenburgischen Schweiz sowie der Seenplatte.

Einen zweiten Himmelsstürmer ähnlichen Kalibers finden Rügen-Besucher im Naturerbe Zentrum Rügen in Prora bei Binz. Dort wandelt man fünfzehn Meter über dem Erdboden auf der Kronenebene urwüchsiger Buchen. Auf einem über einen Kilometer langen hölzernen Weg, der sich irgendwann plötzlich architektonisch raffiniert in Kreisen um eine Buche herum zu einem 40 Meter hohen Aussichtspunkt schraubt. Dieser wurde einem Adlerhorst nachempfunden und lässt in puncto Ostsee- und Bodden-Panorama keinerlei Wünsche offen.

Die Heilkraft des Waldes: Heringsdorf und Bad Doberan

Wald hat aber noch aus anderen Gründen einen ausgezeichneten Ruf. Umso mehr, wenn er so gesund ist wie in Mecklenburg-Vorpommern, das diesbezüglich mit Brandenburg an der deutschen Spitze steht. Dass gesunder Wald darüber hinaus auch gesund macht, davon sind immer mehr Menschen fest überzeugt. Wald bietet nicht nur Arbeit und Erholung, er ist auch Apotheke und Fitnessstudio. Sein hohes natürliches Potenzial kann perfekt für die gesundheitliche Vorsorge genutzt werden. Seine Atmosphäre – die Stille, das gedämpfte Licht, die frische Luft, die Anwesenheit von Wasser – lassen uns zur Ruhe kommen. Wir erholen uns, wir schlafen besser, der Stresslevel sinkt. Kurzum: Wald entschleunigt und vitalisiert.

Wie das in der Praxis funktioniert, kann seit diesem Jahr jeder selbst testen – auf der Wellness- und Gesundheitsinsel Usedom. Dort eröffnete in Heringsdorf Europas erster zertifizierter Kur- und Heilwald. Eine „Grüne Apotheke am Meer“, in der auf 180 Hektar die heilenden Kräfte des Küstenwaldes bewusst genutzt werden. Ein einziger Tag im Wald nämlich soll das Immunsystem bereits kräftig stärken, den Blutdruck senken, den Puls regulieren und Stresshormone abbauen. An verschiedenen Stationen im Wald können zudem Muskeln aufgebaut sowie Konzentration und Gleichgewicht trainiert werden – ein bislang einzigartiges Projekt.

Doch nicht mehr lange: Was in Heringsdorf gut funktioniert, soll auch in anderen waldreichen Gemeinden Früchte tragen. Zum Beispiel in Bad Doberan. In der Münster-, Molli-, Moor- und Zappanale-Stadt laufen gerade die Vorbereitungen für das groß angelegte und großzügig geförderte Projekt Kur- und Heilwald. Ein 38 Hektar großes Waldgebiet, das als grünes Band die Innenstadt mit der außerhalb gelegenen Moorbad-Klinik verbinden soll. Für deren oft auf Rollstühle angewiesene Patienten wird diese Achse zur Stadt nicht nur barrierefrei sein, sondern auch Kurgebiet, das für Therapien genutzt werden und als Ruhezone dienen soll. Aber auch allen Einheimischen und Gästen soll das Heilmittel Wald einen gesundheitlichen Mehrwert bringen.