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Lwenzahn_02-06-16.jpgLöwenzahn 

Noch ist es nicht soweit, aber in ein paar Jahren können Sie mit Löwenzahnreifen durch die Lande fahren. Vorher ist aber noch erhebliche Entwicklungsarbeit zu leisten. Aber schon jetzt konnte Continental gleich zwei Produktmuster die Leistungsfähigkeit des Kautschuks aus der Löwenzahn-Wurzel unter Beweis stellen. Die Eigenschaften sind gleich, die Qualität unverändert hoch und doch ist es eine zukunftsweisende Revolution. Bereits 2014 brachte Continental das erste Muster eines Premium-Winterreifens mit einem Laufstreifen aus Löwenzahn-Kautschuk auf die Straße. Ende 2015 testete ContiTech den neuen Rohstoff mit dem Namen TARAXAGUM für die Schwingungstechnik.

Das Ergebnis: Die Alternative zum traditionellen Naturkautschuk eignet sich hervorragend für Schwingungselemente im Motor. Viel mehr noch: Die Conti-Injeneure konnten damit die erforderliche Materialsicherheit für Hochtechnologieprodukte in weiteren Industrien unter Beweis stellen. Die Pflanze hat das Potenzial zu einer alternativen, umweltfreundlichen Rohstoffquelle zu werden und könnte die Abhängigkeit von herkömmlich produziertem Naturkautschuk weiter reduzieren. Und nicht nur das: Da sie auch unter moderaten klimatischen Bedingungen wächst, kann sie helfen, CO2-Emissionen und Transportkosten zu sparen.

Motorlager aus Löwenzahn-Kautschuk

Der Schwingungsspezialist Vibration Control ist einer der größten Naturkautschuk-Abnehmer innerhalb der ContiTech. „Für unsere Motorlager und Schwingungselemente sind wir auf natürlichen Kautschuk angewiesen. Nur er gewährleistet die hervorragenden Eigenschaften unserer Produkte im Hinblick auf Dynamik, Flexibilität und Lebensdauer“, erklärt Dr. Misiun, Leiterin der ContiTech Entwicklung zum Motorlager aus Löwenzahn-Kautschuk, die Bedarfslage.Conti_Taraxa_Gum.jpg

Ein Motorlager verbindet das Antriebsaggregat mit der Karosserie. Es nimmt also erhebliche statische Lasten auf, isoliert den Körperschall des Motors und begrenzt seine Bewegungen. Dies verhindert beispielsweise, dass es die Fahrgäste im Auto durchschüttelt oder der Motor bei einem Unfall sogar abreißt. „Wir verlangen vom Naturkautschuk noch einmal ganz andere Eigenschaften als unsere Reifenkollegen. Unsere Produkte müssen sehr große dynamische Belastungen bei hohen Temperaturen aushalten“, umreißt Dr. Misiun die Anforderungen an das Material. Das Projektteam hat das Motorlager-Muster auf Herz und Nieren geprüft und zeigt sich begeistert von den Resultaten: „Kautschuk aus der Wurzel des Löwenzahns ist eine echte Alternative zu herkömmlichem Naturkautschuk vom Kautschukbaum Hevea brasiliensis. Mit unseren Versuchen konnten wir das Material noch besser verstehen. Und wir haben gezeigt, welche Leistungen der Löwenzahn-Kautschuk auch bei hochtechnologischen Anwendungen wie Motorlagern bringen kann“, fügt sie hinzu.

Vom Unkraut zur Nutzpflanze

Warum betreibt Continental gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME, dem Julius Kühn-Institut und dem Züchtungsunternehmen Eskusa diesen Forschungsaufwand, wenn das Produkt am Ende gleich bleibt? Traditioneller Naturkautschuk wird bislang ausschließlich in Kautschukbaumplantagen in den Regenwaldgebieten dieser Erde gewonnen – dem sogenannten Kautschukgürtel. Die Nachfrage ist groß, doch der Anbau ist langwierig und die ökologischen Folgen sind immens. Der Transport führt den Rohstoff oft um die halbe Welt, ist aber zurzeit noch alternativlos.

Das würde sich ändern, wenn Naturkautschuk mit mindestens gleichen Leistungseigenschaften künftig auch aus der Löwenzahn-Wurzel gewonnen werden könnte. Denn anders als Kautschukbäume kann er unter moderaten Klimabedingungen und damit direkt an Produktionsstandorten weltweit wachsen. Zudem gedeiht Löwenzahn selbst auf nährstoffarmen, kargen Böden, die nicht wirtschaftlich für andere Feldfrüchte genutzt werden können. Ein Anbau der Pflanze träte nicht in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion und bislang unbrauchbare Brachflächen könnten wieder genutzt werden. „Durch zusätzliche für den Anbau erschlossene Flächen außerhalb des Kautschukgürtels kann der Druck auf den Regenwald verringert werden, der sich aus der wachsenden Nachfrage nach Naturkautschuk ergibt“, erklärt Dr. Carla Recker, die bei Continental das vielversprechende Forschungs- und Entwicklungsprojekt leitet. Besonderer Pluspunkt gegenüber anderen Kautschuklieferanten ist die deutlich kürzere Anbauzeit von sechs bis acht Monaten. So ließen sich auch recht kurzfristig steigende Bedarfe abdecken.

Bis die Löwenzahn-Motorlager oder -Reifen in Serie über die Straßen fahren, vergehen noch fünf bis zehn Jahre. Eine der größten Herausforderungen wird es sein, das Material im industriellen Maßstab zu gewinnen. Aktuell werden die Bedingungen hierfür geschaffen. So arbeitet das Forscherteam an der Optimierung des Saatgutes sowie der Entwicklung einer entsprechenden Anbau- und Erntetechnologie. Erste Landwirte wurden überzeugt, geeignete Flächen für eine Kultivierung unter Realbedingungen zur Verfügung zu stellen.

Die Projekt-Idee ist bereits mehrfach ausgezeichnet worden: Im Mai 2014 wurde das Gemeinschaftsprojekt ‚Rubin‘ mit dem begehrten GreenTec Award, Europas größtem Umwelt- und Wirtschaftspreis, in der Kategorie ‚Automobilität‘ prämiert. Im Juni 2015 wurden die leitenden Wissenschaftler des Projekts mit dem renommierten Joseph-von-Fraunhofer-Preis ausgezeichnet. Foto: ContiTech