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BSC_4083.JPGWo sind sie?

In vielen Berufen wird händeringend nach Fachkräften gesucht. Die Baubranche leidet schon seit vielen Jahren darunter. Ingenieure sind ebenfalls Mangelware. Und im Transportgewerbe? Wo sind die Kraftfahrer? Fehlanzeige. In den U.S.A. fehlen heute schon über 50.000 Berufskraftfahrer; Tendenz deutlich steigend. Und bei uns in Deutschland? Werden die Fahrerplätze nicht von Osteuropäischer Truckern besetzt? Anscheinend nicht. Denn der Mangel an Berufskraftfahrern in der Transportbranche wird immer mehr zum Problem. Darunter leidet die arbeitsteilige Wirtschaft in Deutschland und Europa auf breiter Basis. Das Fehlen von Fahrern behindert in zunehmendem Maße den reibungslosen Transport und die pünktliche Lieferung von Rohstoffen und Gütern. Der Fortschritt in der Fahrzeugtechnologie bei Assistenzsystemen sowie in der Vernetzung der Transportkette verlangt darüber hinaus eine qualifiziertere Ausbildung der Fahrer. Die TRATON GROUP, ehemals Volkswagen Truck & Bus, hat diese Thematik in einem Forum „Zukunft des Fahrers“ am Wochenende auf der IAA aufgenommen.

Holger Mandel, Vorsitzender der Geschäftsführung MAN Truck & Bus Deutschland, bringt die harte Realität auf den Punkt: „30.000 Fahrer gehen in Deutschland derzeit jährlich in Rente“, sagt er, „und es kommen nur 16.000 pro Jahr nach.“ Sein Szenario für das kommende Weihnachtfest lautet: „Es könnte knapp werden mit der pünktlichen Lieferung der Päckchen und Pakete.“

45.000 Fahrer fehlen schon heute in Deutschland. Bald könnten es 100.000, perspektivisch sogar 200.000 sein, so Mandels Prognose: „Das ist eine riesengroße Herausforderung für alle Beteiligten.“ Denn Transport sei das Rückgrat der Wirtschaft und die Grundlage unserer Lebensqualität. Als Beispiel führt er an: „Als in Brasilien die Fahrer streikten, waren die Läden nach wenigen Tagen leer.“

Politik, Lkw-Industrie, Logistik, Fahrer, Verbände und Praktiker: So vielschichtig wie die Besetzung der von Branchenexperte Werner Bicker moderierten Podiumsdiskussion des TRATON Talk auf der IAA Nutzfahrzeuge ist das Problem des sich verschärfenden Fahrermangels. Berufskraftfahrer Axel Flaake nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wir brauchen uns über die Situation nicht zu wundern: Es ist katastrophal, wie respektlos die Fahrer behandelt werden.“ Und weiter: „Die Situation auf den Straßen, Parkplätzen und in den Sanitäranlagen ist beinahe menschenunwürdig.“ Dem gelte es entschieden entgegenzutreten.

Die Politik, vertreten durch Udo Schiefner, MdB und stellvertretender Sprecher Verkehrspolitik der SPD-Bundestagsfraktion, regt Regulationen und eine Imagekampagne an, die das Ansehen der Fahrer fördern soll. Da das schlechte Image oft genug auch auf Unternehmen zurückgehe, die zu Dumpingpreisen unterwegs seien, sagt Schiefner, gehöre auch die Schieflage bei den Wettbewerbsbedingungen in Europa ins Visier genommen. „Nicht nur reden, sondern auch handeln“, beschließt er sein Statement.

Die Logistik, vertreten durch Thomas Zernechel, Leiter der Volkswagen-Konzernlogistik, vertraut dagegen auf den Markt. Es gebe gute Gründe, nicht den billigsten Fuhrunternehmer zu wählen. Zudem würden die Transportpreise bereits leicht ansteigen. Freilich genüge ein Blick auf die A2 bei Hannover, um die eklatanten Missstände auf den Straßen zu sehen.

Logistik-Dienstleister Hubertus Kobernuß pflichtet bei, dass es an den Fahrerlöhnen allein nicht liegen könne: „3000 Euro und mehr“ könne ein Fahrer heute schon wieder verdienen. Sicherlich müsse der Fahrer dafür einige Qualifikationen mitbringen. Gerade dann, wenn es zum Beispiel um anspruchsvollere Bereiche wie den Tank- oder Silotransport gehe.

Doch sei es gerade in diesen Segmenten, so Kobernuß’ Fazit, fast noch schwieriger, die Stellen zu besetzen. „Ich verstehe nicht, warum ein Fahrer lieber Paletten im Standardtransport zieht, anstatt das schöne Leben eines Silofahrers zu genießen. Und das auch noch schlechter entlohnt.“

Doch spricht auch er an, dass die Anforderungen an den Fahrer von heute gewaltig seien: „Chemiker, Jurist, Ingenieur und noch ein paar Qualifikationen mehr sollten es sein, die der Fahrer von heute idealerweise mitbringen sollte“, beschreibt er pointiert die immer höheren Erwartungen an den Lkw-Fahrer.

Liegt da die Ausbildung etwa im Argen? „Nein“, sagt Jörg Mannsperger von der Dekra Akademie und rät dringend dazu, die „Einstiegshürde bloß nicht zu hoch anzusetzen“, um den Mangel nicht noch zu vergrößern. Andererseits sei auch klar, dass keine Zukunft habe, wer Berührungsängste mit der Digitalisierung nicht überwinden könne. Generell gelte für die Fahrerausbildung, dass eine praxisnahe Schulung immer mehr an Bedeutung gewinne.

Konsens herrschte schließlich bei den Hauptursachen: Zum einen ein schlechtes Image, gegen das alle Beteiligten in der Logistik-Kette gemeinsam angehen sollten. Zum anderen katastrophale Bedingungen auf Straßen, Parkplätzen und Sanitäranlagen, dazu steigende Anforderungen an die Qualifikation und eine nicht immer attraktive Vergütung.

Einfache Lösungen für den Fahrermangel wird es aber nicht geben. Die Thematik verlangt einen breiten Schulterschluss über die Logistikwirtschaft hinaus. „Dazu brauchen wir einen ,Runden Tisch‘ und diesen brauchen wir jetzt, damit der Straßengüterverkehr seine Rolle als leistungsfähigster Transportweg auch in Zukunft behält“, so MAN Deutschland-Chef Mandel.