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Autostadt_Vangelis_The_Thread 18-08-19.jpgEin Faden spinnt sich durch Tanz und Musik

In Griechenland spielt der Tanz eine große Rolle. Sowohl im privaten als auch bei offiziellen Anlässen nehmen Tanzdarbietungen einen großen Raum ein. Viele Griechinnen und Griechen gesellen sich unaufgefordert zum Tanz zu den Künstlerinnen und Künstlern auf die Bühne. Das macht auch vor Offiziellen und Politikern keinen Halt. Der Tanz ist Teil des Alltags, der Religion und der Überlieferung, auch jener der antiken Mythen. Dies inspirierte Russell Maliphant dazu, die alten griechischen Tanzformen auf zeitgenössisches Bewegungsvokabular treffen zu lassen. Aus diesem Aufeinandertreffen entwickelte er eine eigene gestalterische Kraft und Formensprache. Dafür wurde eigens ein Ensemble aus 18 griechischen Tänzerinnen und Tänzern geschaffen, die teils in traditionellem griechischem Tanz, teils in westlichem zeitgenössischem Tanz ausgebildet sind. Diesem Ansatz folgend, hat Vangelis griechische Tradition als in raumfüllende elektronische Klänge transformiert. Der überaus expressive Soundtrack erinnert in seiner Opulenz und Bildhaftigkeit an die Musik zu großen Filmwerken.

Inspiration vom Mythos

Beim Movimentos Tanzfestival in der Autostadt Wolfsburg wurde nun die Londoner Choreografie „The Thread" (Der Faden) aufgeführt. Sie ist inspiriert vom griechischen Mythos des Minotaurus, eines Zwitterwesens aus Stier und Mensch, das auf Kreta in einem Labyrinth gefangen gehalten wird und dem alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen aus Athen geopfert werden. Der Held Theseus kommt nach Kreta, um diesem blutigen Treiben ein Ende zu setzen. Um sich im Labyrinth nicht zu verirren, bekommt er von der Königstochter Ariadne einen Faden, den sie am Eingang befestigt und mit dessen Hilfe Theseus den Weg aus dem Labyrinth findet. Dieser Mythos ist für Maliphant auf dreifache Weise aktuell: Der Minotaurus steht für die Urinstinkte im Menschen, das Labyrinth ist bis heute ein Sinnbild für die unerforschten Abgründe der menschlichen Psyche, während der Faden der Ariadne häufig als das vorherbestimmte Schicksal gedeutet wird. In der neuen Spielstätte „Hafen 1“ der Autostadt konnten leider nicht alle Zuschauer ihren Faden finden. Denn griechische Mythologie ist nicht in jeder Schule Teil des Allgemeinbildung.

Die Tanzdarbietung

Am Anfang steht ein Kreis von Tänzern unter goldenem Licht, die wie ein Lakritzwirbel zusammengewickelt sind. Während die Musik dröhnt, wiegen sie sich mit verbundenen Armen, bevor sie sich wie eine endlose Schlange fortbewegen, einem Pfad in ihren eigenen Gedanken folgen und sich um die Bühne winden. Sie bewegen sich so reibungslos, dass sie aussehen, als wären sie auf Rädern. Beim genaueren hinsehen ist zu erkennen, dass ihre Füße zarte, komplizierte Schritte ausführen.

Dies ist der Anfang von Russell Maliphants treffendem Titel " The Thread" , einem Werk, das etwas tut, was zeitgenössischer Tanz kaum jemals tut. Es befasst sich mit traditionellem Volkstanz und interpretiert es auf vielfältige Weise neu. Es ist ungewöhnlich, aber aufschlussreich, ein tiefes Verschmelzen der Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, bewegend und intensiv.

18 junge griechische Tänzer brachte Maliphant zusammen, sechs im Volkstanz ausgebildete, die anderen in Ballett und zeitgenössischem Tanz. Der Komponist Vangelis (am besten bekannt für Chariots of Fire und Blade Runner ) hat eine kraftvolle Partitur beigesteuert, die archaische Instrumente mit Electronischer Musik mischt. Michael Hulls sorgt für eine erstaunlich schöne Beleuchtung, die von warm zu kalt wechselt und die leere Bühne in einen dynamischen Raum verwandelt.

Das Ergebnis ruft ein tiefes Gefühl für Geschichte und Mythos in seinem abstrakten Rahmen hervor. Irgendwo tief im Hintergrund, wie das Dröhnen, das aufdringliche Horn, das Vangelis´ Partitur untermalt, ist der Mythos des Labyrinths und der Wege, die Menschen gehen, um ihren Weg zu finden. Es erscheint so, ob als trennendes Element von Tradition zur Moderne Nikos Kazantzakis „Zorbas“ am Strand erscheint und das Leben mit allen Freuden und Katastrophen so zu nehmen, wie es ist. Im Tanz das beste aus dem Leben – aus der Situation – zu machen, zu kämpfen, auch wenn eine Niederlage droht.

Einige der Tänzer brauchen Zeit, um Maliphants Stil zu verstehen, aber ihr Zusammenhalt und Engagement ist beeindruckend. Immer wieder zeigt „Der Faden“ ein Bild der antiken Kultur und verwandelt es in etwas Lebendiges; Frauen heben ihre verbundenen Arme wie das Motiv einer griechischen Vase oder setzen sich auf den Boden und beugen sich wie Nymphen nach vorne. Starke Männer beugen sich und springen in Reihen und ermutigen sich gegenseitig durch die Schritte, die ihre Vorfahren tanzten. Die farbenprächtigen Kostüme fangen die flackernde Stimmung ein.

Sehr viel von „The Thread“ ist treibend; Die männlichen Darbietungen sorgen für Begeisterung, und der abschließende Abschnitt, in dem Wellen von Tänzern über die Bühne schweben, ist aufregend. Aber es gibt auch Momente der ruhigen Schwerkraft, in denen sich die Bewegung auf nicht ganz erklärbare Weise auswirkt: eine einsame Frau, die sich sanft wiegt, die Hände auf den Hüften, verloren in einer eigenen Welt; ein Paar, das sich in schwerelosen Aufzügen gegenseitig unterstützt; ein wenig von einer Gruppe von Frauen laufen, Röcke wirbeln hinter ihnen; ein leises Solo.

Durch diese Details baut Maliphant eine ganze Gemeinschaft auf, eine Vision von einem Ort, der sowohl alt als auch modern sein kann. Für Vangelis scheint das Projekt wie eine Ausgrabung der Vergangenheit und der Zukunft zu sein. Eine solche archäologische Erforschung ist im zeitgenössischen Tanz nicht alltäglich. Großer, stehender Applaus für eine ungewöhnliche Darbietung. Gelungener Abschluss der Movimentos Festwochen.