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Luther_Thesenanschlag_Schlosskirche_18-10-18.jpgDa schlägt es 95!

Geschichtsklitterung und Fake News scheinen die Nachrichtenlage zu beherrschen. Aber das ist gerade der Stil solcher Menschen, Tatsachen zu negieren und Lügen in den Stand der Tatsachen zu erheben. So erscheint es auch nicht sonderlich zu verwundern, dass Luthers Thesenanschlag an der Schloßkirche in Wittenberg in Zweifel gezogen wurde. Der bevorstehende Reformationstag am 31. Oktober sollte eigentlich mit einem anderen Widerhall in der Öffentlichen Wahrnehmung finden. Gerade unter dem Vorzeichen, dass auch viele Bundesländer diesen Tag wieder als Feiertag eingeführt haben. Nun fühlten sich zwei Wittenberger Historiker aufgerufen, fast ein Jahr nach dem 500. Reformationsjubiläum den Mythos um Luthers Thesenanschlag 1517 zu verteidigen. So stellten Mirko Gutjahr und Benjamin Hasselhorn, beide wissenschaftliche Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, ihre Publikation "Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag" vor. Sie seien im vergangenen Jahr sehr überrascht gewesen, dass es in der Öffentlichkeit so viele Zweifel an Luthers Thesenanschlag gegeben habe, sagte Hasselhorn zur Motivation der Publikation. Im Zusammenhang mit dem Thesenanschlag hieß es meist „soll stattgefunden habe“' oder „der Überlieferung nach“.

Hasselhorn sagte: "Zudem wurde in der Wissenschaft auch Kritik am Thesenanschlag als Symbol und damit am Mythos laut." Dabei sei es um die Verwendung des Hammers als Symbol gegangen, das beispielsweise für die Nationalen Sonderausstellungen genutzt wurde. Hasselhorn und Gutjahr wollen nun alle relevanten Quellen zusammengetragen haben und haben auch die Gründe, warum das Ereignis angezweifelt wurde, auseinandergenommen. Hasselhorn betonte: "Nach unserer Einschätzung sind keine ernsthaften Zweifel am Thesenanschlag möglich. Wir können das natürlich - wie immer in der Geschichtswissenschaft - nicht mit absoluter, aber doch mit relativer Sicherheit sagen." Die Indizien dafür seien überwältigend und überzeugend.

Die Historiker verweisen unter anderem auf eine Notiz von Luthers Privatsekretär Georg Rörer als früheste Quelle über die Geschehnisse des 31. Oktober 1517 und auch auf Luthers Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon (1497-1560), der den Thesenanschlag bezeugte. Zudem spricht aus Sicht der Autoren wenig dafür, dass Luther mit Leim und Pinsel vorgegangen ist, wie das im vergangenen Jahr immer wieder ins Gespräch gebracht wurde, sondern vielmehr wirklich mit einem Hammer.

Demnach hatte Martin Luther (1483-1546) am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen die Missstände der Kirche seiner Zeit veröffentlicht, und an die Tür der Wittenberger Schlosskirche genagelt. Der Thesenanschlag gilt als Ausgangspunkt der weltweiten Reformation, die die Spaltung in evangelische und katholische Kirche zur Folge hatte.

Der renommierte Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann äußerte sich indes kritisch zu der Publikation. Die Autoren legten kein einziges neues Quellenzeugnis vor. In einem Beitrag Kaufmanns für das „Rotary Magazin" (Oktober) heißt es, zwar ergänzten die Autoren die bisherige Debatte um die Frage der Historizität des Thesenanschlages um eine im Ganzen durchaus nutzbare Zusammenfassung. Die Mehrheit der Reformationshistoriker gehe allerdings nicht erst seit gestern davon aus, dass die Thesenanbringung an den Wittenberger Kirchentüren die wahrscheinlichste gewesen sein dürfte.

Doch keines der Zeugnisse, die für einen Thesenanschlag angeführt werden könnten, sei in dem Sinne zwingend, dass ihm eine letzte Beweiskraft innewohnte, so Kaufmann: „Zur Historizität des Thesenanschlags liegen Indizien vor, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wer hier 'mehr' bieten zu können und zu sollen meint, mag allerlei Interessen verfolgen, strapaziert aber die Grenzen wissenschaftlicher Redlichkeit auf unangenehme Weise."

So ein wissenschaftlicher Streit strapaziert anderseits das Verständnis für Forschung, Historie und Glaube. Es kann nicht Aufgabe von Forschung sein herauszufinden, mit welchem Hammer und welcher Art von Nägeln bestimmte Zettel an eine Kirchentür genagelt wurden. Außer es wäre entscheidend für den Sachverhalt. Jeder Handwerker – und gesunde Menschenverstand – würde bestätigen, dass dem nicht so wäre. Sollte es sich dabei aber um eine Straftat handeln, sollten unverzüglich alle Möglichkeiten in Erwägung gezogen werden, um Nägel und Hammer zu finden. Sicherlich ist dann mit Hilfe von DNA Analysen schnell der Übeltäter überführt. Der Scheiterhaufen könnte schon aufgebaut werden.

Ironie beiseite: Sicherlich sollte jeder über Kirche nachdenken dürfen. Doch Kirche an sich befindet sich im Wettbewerb der Möglichkeiten. Kirche ist nicht angesagt. Die Kirchenaustritte bestätigen das. Kirche muss sich zusammenfinden. Nur so hat Glaube eine Zukunft.

Das Buch "Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag" wurde von der Evangelischen Verlagsanstalt GmbH mit Sitz in Leipzig herausgegeben. Mirko Gutjahr, 1974 in Pforzheim geboren, ist Historiker und Archäologe. Er kuratierte zum 500. Reformationsjubiläum 2017 die Nationale Sonderausstellung "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen". Benjamin Hasselhorn, 1986 in Göttingen geboren, ist Historiker und Theologe. Er ist wie Gutjahr ebenfalls Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten und kuratierte ebenso die Nationale Sonderausstellung in Wittenberg.