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social-workpixabay_preview.jpegIst es Hilfe oder Geschäft?

Viele Vereine klagen darüber, dass ihnen die Ehrenamtlichen ausgehen. Doch gerade von diesem System lebt unsere Gesellschaft. Nicht nur im Sportverein werden Übungsleiter und Vorstandsmitglieder benötigt, um die notwendige Nachwuchsbetreuung und -arbeit umzusetzen. Auch den Heimatvereinen und Brauchtumsgruppen fehlen Mitglieder zur Erhaltung der Idee. Die bisherigen engagierten Mitglieder geben ihr Engagement meistens aufgrund ihres Alters auf. Umso überraschender ist es, dass die Willkommenskultur während der Flüchtlingssituation so ein hohes Engagement erzielt es. Es muss wohl an der Idee liegen. So scheint es wohl auch beim Volunteer-Tourismus zu sein. Viele Menschen habe dies für sich. Laut TourismWatch buchen inzwischen jährlich allein in Deutschland schätzungsweise 25.000 Menschen erlebnisorientierte Freiwilligeneinsätze im globalen Süden, die oft nur einige Wochen dauern und kommerziell angeboten werden. Wenn Reisende auf einen Entspannungs-Urlaub verzichten, um die soziale, ökologische oder ökonomische Situation an ihrem Reiseziel zu verbessern, ist das an sich eine gute Sache. Doch aus dem steigenden Interesse an dieser Art des Reisens hat sich eine Tourismusindustrie entwickelt, die reichlich Schattenseiten birgt und aus diesem Grund für den schlechten Ruf des sogenannten Voluntourismus sorgt. Vermeintliche Hilfsprojekte können viel Schaden anrichten, weswegen es wichtig ist, ganz genau hinzuschauen. Dass es dennoch viele positive Beispiele für Volunteering und grüne Projekte gibt, machen die Green Pearls-Partner vor.

Gutes Volunteering“ von „schlechtem Volunteering“ unterscheiden

Ein anschauliches Beispiel für die Kehrseite des Volunteerings ist der sogenannte Waisenhaustourismus: In seinem Buch „Das Gegenteil von gut … ist gut gemeint“ berichtet der Soziologe Daniel Rössler von Waisenhäusern in Ghana, in denen neun von zehn Kindern eine Familie haben. Um der steigenden Volunteering-Nachfrage aus dem Westen gerecht zu werden, wurden Familien auseinandergerissen, Kinder von ihren Eltern getrennt. Kein Einzelfall: Nach einer Studie von Unicef haben 85 Prozent aller „Waisenkinder“ in kambodschanischen Heimen noch mindestens ein lebendes Elternteil. Eine Geschäftspraxis, die sich aus einem unreflektierten Freiwilligen-Tourismus entwickelt hat, der in Hochglanzprospekten als Paket mit einer Safari oder einem Strandurlaub angeboten wird. Und nur ein Beispiel von vielen, warum es so wichtig ist, Sinnhaftigkeit und Hintergrund eines vermeintlichen Hilfsprojekts sehr aufmerksam zu prüfen.

Nachhaltig helfen – mit passenden Fähigkeiten

Am Anfang sollte die Frage stehen: Welche Fähigkeiten sind vor Ort nützlich? Motivation ist natürlich die Basis für Freiwilligenarbeit. Aber ohne die entsprechenden Fähigkeiten bietet Volunteering keinen Mehrwert und bewirkt möglicherweise das Gegenteil. Beispielsweise sollte niemand ohne entsprechende Erfahrung Kinder unterrichten oder betreuen, das gleiche gilt im medizinischen Bereich. Die praktische Umsetzung sieht oft anders aus. Unseriöse Reisevermittler kommunizieren, dass Motivation und Eigeninitiative als Voraussetzung genügen. Und vor allem bei jungen Menschen wird eine Volunteer-Reise als tolle Möglichkeit beworben, um vorm Einstieg in das Berufsleben Erfahrungen zu sammeln, neue Fähigkeiten zu erlernen, Kulturen und Länder zu entdecken. Das mag zwar zutreffen, allerdings als positiver Nebeneffekt. Beim Volunteering geht es eben nicht um Selbstfindung, sondern darum, zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird. Eine gute Volunteering-Organisation erkennt man also zunächst daran, dass sie Teilnehmer auf dieser Basis sorgfältig auswählt. Und sie als Vorbereitung auf ihren Einsatz umfangreich sensibilisiert, informiert und vorbereitet.

Welchen Mehrwert bietet meine Arbeit vor Ort?

Ein weiteres Merkmal einer verantwortungsbewussten Hilfsorganisation: Sie organisiert Projekte, die vor Ort nachhaltig wirken und Hilfe zur langfristigen Selbsthilfe bieten. Das heißt, dass sie sich am tatsächlichen Bedarf der lokalen Bevölkerung orientiert und diese in die Prozesse einbezogen wird. Das heißt auch, dass keine Arbeiten von Volunteer-Reisenden übernommen werden, die die Bevölkerung vor Ort selbst leisten könnte. Auch hier gilt es, genau hinzusehen: Nimmt ein Volunteer gerade einem Einheimischen einen Arbeitsplatz weg oder verfügt er über wichtige Fähigkeiten, die vor Ort akut gebraucht werden und einen Mehrwert bieten? Natürlich gibt es auch solche Situationen, in denen jede helfende Hand gefragt ist, wie zum Beispiel nach einer Naturkatastrophe. Aber hier gilt es ebenfalls zu prüfen, was eine größere Hilfe ist: ein persönlicher Einsatz vor Ort, der zugleich Kosten verursacht, oder vielleicht eher eine Sach- oder Geldspende, durch die Experten vor Ort geschickt werden können?

Eigene Motivation und Möglichkeiten hinterfragen

Freiwilligendienst bedeutet Arbeit und nicht jeder kann die Zeit und Energie aufbringen, sie zu leisten. Umso wichtiger ist es, die eigene Situation und Beweggründe für sich zu reflektieren. „Wir empfehlen Reisenden und Interessierten, sich gut auf Freiwilligeneinsätze vorzubereiten, die eigene Motivation zu hinterfragen und sich so lange wie möglich vor Ort zu engagieren“, so Christine Plüss, Geschäftsführerin vom Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung und Mitherausgeberin der Studie „Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus“. „Wenn die Zeit für einen gut vorbereiteten, langfristigen Freiwilligendienst nicht reicht, kann eine begegnungsorientierte Reise, die nachhaltig organisiert ist und den Blick hinter die touristischen Kulissen öffnet, die sinnvollere Perspektive sein“.

Lernen, mithelfen, Bewusstsein entwickeln

Möglichkeiten für nachhaltige und erlebnisorientierte Reisen gibt es zahlreiche: Die Peruanische NGO Inkaterra Asociación (ITA) informiert unter anderem auf Regenwaldtouren umfangreich über Flora und Fauna und bietet viele Tätigkeiten an, bei denen Besucher wichtige Naturschutzmaßnahmen unterstützen können. Auf den Malediven können Gäste des Gili Lankanfushi aktiv bei dem Coral Lines Projekt zur Regenerierung der Korallenriffe helfen, indem sie in Zusammenarbeit mit Meeresbiologen Korallen an Seilen befestigen. Und das Reethi Faru setzt sich ebenfalls dafür ein, Bewusstsein für den Schutz von Tier- und Umwelt zu schaffen und organisiert unter anderem mit der Initiative „Reethi Day“ regelmäßig gemeinsame Strand-Säuberungsaktionen. Immer mehr gemeinschaftsorientierte Tourismusinitiativen gibt es in Thailand, hier werden Reisende in den Lebensalltag der Dorfbewohner einbezogen und lernen viel über kulturelle und naturnahe Aktivitäten wie Fischen oder Gemüseanbau. Solche Projekte ermöglichen den Einheimischen, durch Tourismus ihren Lebensunterhalt zu bestreiten und gleichzeitig ihre Traditionen und Kultur zu erhalten. Darüber hinaus entstehen durch persönliche Beziehungen Brücken zwischen Touristen und Einheimischen und die Reisenden nehmen wertvolle, authentische Erfahrungen und ein tieferes Verständnis für Land und Leute mit nach Hause.

Wer von einer solchen Reise zurückkehrt und als Botschafter von nachhaltigen Projekten berichtet, trägt viel dazu bei, dass das Bewusstsein aller geschärft wird und gute Hilfsprojekte von vermeintlich guten langfristig leichter unterschieden werden können. Fazit: Es gibt viele Möglichkeiten, eine Reise bewusst anzugehen, einen sinnvollen Beitrag zu leisten und zu helfen. Mehr Beispiele für grüne Projekte gibt es auf der Green Pearls®-Webseite, eine gute Auswahl an Qualitätskriterien für seriöse Freiwilligenarbeit findet sich unter anderem auf der Homepage von TourismWatch.