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Wassermangel_22-01-17.jpgOhne Wasser nichts zu essen 

Unsere Erde gilt als Blauer Planet, da über 70 % der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt sind. Doch dieses Wasser ist zu über 97 % salzig. Da bleibt für über 7 Mrd. Menschen wenig Trinkwasser übrig. Des Weiteren werden 70 Prozent des weltweit genutzten Süßwassers für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen genutzt. Gleichzeitig wirken sich Rückstände von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln negativ auf die Wasserqualität aus. Faktoren wie Wirtschaftsentwicklung, Bevölkerungswachstum und Urbanisierung lassen die Konkurrenz um Wasser steigen. Wie kann die Landwirtschaft ihrer Aufgabe, eine wachsende Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, vor diesem Hintergrund gerecht werden? Und welchen Beitrag kann der Sektor zum nachhaltigen Umgang mit der wertvollen Ressource Wasser leisten? Diese Fragen standen im Zentrum des 9. Global Forum for Food and Agriculture in Berlin, das sich dem Thema bis 21. Januar mit zehn Fachpodien, zwei High Level Panels und einem Internationalen Wirtschaftspodium widmete.

Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht!“, sagte der Generaldirektor der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), José Graziano da Silva, zur Eröffnung des High Level Panels seiner Organisation. Doch ist die Umsetzung dieses Rechts längst nicht überall gegeben. Mit 1,2 Milliarden Menschen lebt heute bereits knapp ein Fünftel der Weltbevölkerung in Regionen mit großer Wasserknappheit. Im Jahr 2025 werden es laut dem Umweltbericht der Vereinten Nationen rund 1,8 Milliarden Menschen sein. Gleichzeitig werden immense Mengen an Wasser verschwendet. So geht ein Drittel der für die menschliche Ernährung produzierten Lebensmittel verloren, weil sie – meist in den Industrieländern – in den Mülleimer wandern oder weil – wie in vielen Entwicklungsländern – Möglichkeiten zur richtigen Ernte, zur Lagerung, zum Transport oder zur Weiterverarbeitung fehlen. „Das Wasser, das dadurch verschwendet wird, entspricht dreimal der Wassermenge des Genfer Sees“, veranschaulichte der FAO-Generaldirektor die Dimensionen.

Hinzu kommt der Klimawandel, der sowohl ausgeprägte Dürreperioden als auch sintflutartige Regenfälle nach sich zieht und damit die Anbaubedingungen in vielen Regionen der Welt zusätzlich verschlechtert. „Wetterveränderungen hat es immer gegeben, aber die Welt ist heute sehr viel verwundbarer“, so Johannes Cullmann von der Weltorganisation für Meteorologie. Die Landwirtschaft, die einer der Hauptverursacher von Treibhausgasemissionen ist, biete zugleich die größten Chancen für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel. Allerdings seien etwa 70 Länder in der Welt nicht in der Lage, die nötigen Klima- und Wetterdaten bereitzustellen. Diese sind aber nötig, um beispielsweise den Landwirten Empfehlungen für den Anbau an die Hand zu geben.

Und die variieren von Region zu Region ganz erheblich. Beispiel Israel: 60 Prozent der Agrarflächen des kleinen Landes liegen in ariden beziehungsweise semiariden Regionen. Forschung zur Entwicklung wassersparender Technologien hat daher oberste Priorität, wie Itzik Ben David vom israelischen Agrarministerium berichtete: „Israel ist Vorreiter in der Tröpfchenbewässerung, die für eine maximale Effizienz in der Bewässerung sorgt.“ Auch wird die Abwasseraufbereitung forciert, um Wasser für die Landwirtschaft bereitzustellen. Zudem hat die Regierung ein dynamisches Preissystem entwickelt, bei dem die Konsumenten die tatsächlichen Kosten des Wasserverbrauchs tragen. Die Wasservergabe an landwirtschaftliche Unternehmen wird über ein Quotensystem geregelt, wobei der Preis für aufbereitetes Wasser bei einem Drittel des regulären Wasserpreises liegt.

Für die Landwirte in Entwicklungsländern kommt es nicht in Frage, für Wasser zu zahlen, gab Monty Jones, Landwirtschaftsminister von Sierra Leone und Träger des Welternährungspreises, zu bedenken. Das westafrikanische Land leidet zwar bisher nicht unter Dürren, hat aber eine ausgeprägte Trockenzeit. Die Wasserspeicherung ist daher eine wesentliche Maßnahme, um die Vegetationsperiode zu verlängern. „Die meisten unserer Landwirte arbeiten nach traditionellen Methoden, die wir auch gerne bewahren möchten“, so der Minister. Dennoch versuche man, ihnen den Umgang mit modernen Technologien zu vermitteln, damit sie ihre Produktion intensivieren können.

Im Süden und Osten Afrikas ist der Klimawandel dabei, die Produktionssteigerungen der vergangenen Jahre wieder zunichte zu machen“, mahnte die Kommissarin für Landwirtschaft und Ländliche Entwicklung bei der Afrikanischen Union, Tumusiime Rhoda Peace. Wichtig seien Investitionen in Forschung, denn nur mit angepasstem Saatgut könne die Landwirtschaft widerstandsfähiger gegen Klimaveränderungen werden. Zudem müsse der Sektor durch den Einsatz neuer Technologien vor allem für junge Menschen attraktiver gemacht werden. Sorge bereiten der AU-Kommissarin die zunehmenden Konflikte um den Zugang zu Wasser. Als Beispiel nannte sie den Nil, dessen Einzugsgebiet fast ein Viertel der afrikanischen Bevölkerung beherbergt und der das wichtigste Süßwasserreservoir der Region darstellt. Grenzüberschreitende Kooperationen und Aushandlungsprozesse sind nötig, um die nachhaltige Nutzung der knappen Ressource Wasser zu garantieren.

Das Prinzip der nachhaltigen Nutzung bedeutet auch, dass nicht jedes Produkt an jedem Standort produziert werden kann“, betonte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt auf dem Internationalen Wirtschaftspodium, das von der deutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft ausgerichtet wird. Und: „Wir brauchen die Wirtschaft für die Entwicklung und Umsetzung technischer Möglichkeiten.“ Allerdings warnte er mit Blick auf die Chancen von Digitalisierung und „Big Data“ vor zu starken Konzentrationsprozessen, die dazu führen, dass keine Lösungen mehr für regionale oder lokale Probleme angeboten werden. Und auch, wenn Kleinbauern nicht allein die Antwort auf die Frage der Welternährung sein könnten: „Wenn wir den Fokus nur auf Großbetriebe legen, riskieren wir, dass viele Menschen den Anschluss verlieren.“

Wir nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung, um Wissen zu verbreiten“, beschrieb Thomas Böck, Mitglied der Konzernleitung beim Landmaschinenhersteller Claas, was er als eine der Aufgaben des Privatsektors betrachtet. Daten könnten gespeichert und mit lokalem Wissen kombiniert werden. Dies müsse sich nicht nur auf große Maschinen beziehen. Maßnahmen zur Verringerung von Bodenverdichtungen oder zum Senken von Nährstoffeinträgen ließen sich auch auf die Produktionsbedingungen von Kleinbauern übertragen. Entsprechende Empfehlungen könnten diese beispielsweise über ihr Smartphone erhalten.

Kein Land – außer vielleicht der eine oder andere Stadtstaat – hat es bisher aus der Armut geschafft, ohne die Kleinbauern einzubeziehen“, unterstützte auch Rodger Voorhies, Direktor der Stiftungsinitiative Finanzleistungen für Arme bei der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, die Forderung des deutschen Agrarministers. Hat ein afrikanischer Kleinbauer etwa die Möglichkeit, bei Bedarf den Einsatz von Betriebsmitteln zu finanzieren, kann das die Produktivität seines Betriebes schnell um rund ein Viertel steigern. „Dies kann schon darüber entscheiden, ob er seine Kinder zur Schule schicken kann oder nicht“, erklärte Voorhies. Die Organisation fördert hierfür die Entwicklung digitaler Zahlungssysteme und arbeitet zudem an der „ersten digitalen Bodenkarte Afrikas“.

Und was kann die Politik tun? „Richtige Anreize setzen, damit die Landwirte ihre Verhaltensmuster ändern“, meint der indische Agrarökonom und Politikberater Ashok Gulati. Viele Länder hätten ihre Landwirtschaft jahrelang subventioniert, um die Lebensmittelpreise niedrig zu halten. Dies habe zu einer massiven Verschwendung von Wasser und Energie geführt. Landwirte sollten dafür entlohnt werden, Wasser einzusparen. Auch müsste die Handelspolitik verschiedener Länder so geändert werden, dass wasserintensive Kulturen nur dort angebaut werden, wo ausreichend Wasser vorhanden ist. Neben der Förderung entsprechender Technologien müssten vor allem die Institutionen gestärkt werden, die mit dem Wassermanagement betraut sind.

China hat bereits mehrere Schritte in diese Richtung getan, wie Landwirtschaftsminister Han Changfu verdeutlichte. Der Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln soll gesenkt werden, um die Verschmutzung der Gewässer zu reduzieren. Um die knappen Ressourcen besser zu verteilen, hat das Land Wassernutzungsrechte vergeben. Der Wasserverbrauch konnte von 392 Milliarden Kubikmeter im Jahr 1989 auf 387 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2014 gesenkt werden. Wer Wasser verschmutzt, muss dafür zahlen. „Wir wollen eine grüne Entwicklung fördern, die es der Landwirtschaft ermöglicht, nachhaltig zu wirtschaften, aber gleichzeitig ihre Wettbewerbskraft zu steigern“, betonte der Minister.