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Weinseminar im Park mit Alois Clemens Lageder - (c) Ivan Bortondello.jpgEin (Wein)herz für die Natur

Der ökologische Landbau wird schon seit fast 100 Jahren betrieben. Er beruht auf der Idee von Rudolf Steiner, die er in einer Vortragsreihe 1924 präsentierte. Heute hat sich der Demeter-Verband dieser Idee angenommen und versucht deren europaweiten Umsetzung. So wächst auch die Zahl der Weingüter, die sich der Biodynamik verschreiben, stetig. 

Am 6. und 7. April trafen sich bereits zum 22. Mal Experten und Enthusiasten auf der Summa2019 in der einzigartigen Umgebung des Weinguts ‚Tenuta Alois Lageder‘ in Magrè an der Weinstraße in Südtirol. Für uns hat der Münchner Sommelier und Inhaber der Sommelier Schule ‚European Wine Education‘ die Veranstaltung besucht durch außergewöhnliche Verkostungen und Vertikalen probiert und vieles Neues zum Thema biodynamischer Weinbau erfahren.
Alois Lageder hatte geladen und über 110 Weingüter von Frankreich bis China folgten seinem Ruf. Frankreich, Österreich, Italien, Deutschland, Slowenien, Neuseeland, Portugal und ab diesem Jahr auch Ungarn, Tschechien und China trafen sich in Magrè. 110 Produzenten qualitativ hochwertiger und nachhaltiger Produktionen.
In einer „intimen", familiären und einladenden Atmosphäre kostete das Publikum die besten Weine und lauschte den Geschichten der Winzer in einem reichhaltigen Programm aus exklusiven geführten und vertikalen Verkostungen, Seminaren und Besuchen des Weinguts. Und über 2000 Fachbesucher und Enthusiasten ließen sich von den angebotenen Weinen begeistern.
Unser Kollege Jörg Bornmann von Genussfreak.de hat im Anschluss an die Summa 2019 mit Andrea Vestri, Inhaber der Wein- und Sommelierschule ‚European Wine Education‘ in München, sowie der nächsten Generation der Lageders, Alois Clemens Lageder, Anna Lageder, die seit vielen Jahren die Organisation der Summa verantwortet, und Helena Lageder, die seit letztem Jahr einige der internationalen Märkte betreut, ein ausführliches Interview geführt.
Genussfreak: „Herr Vestri, Sie haben die Summa in diesem Jahr das erste Mal besucht. Welchen Eindruck haben Sie, auch im Vergleich zu anderen Veranstaltungen dieser Art gewonnen?“
Andrea Vestri: „Allein die wunderschöne Kulisse von Südtirol, die familiäre Atmosphäre, die nicht überfüllte Veranstaltung machen die Summa zu einem sehr schönen Erlebnis. Es war wohl sehr gut besucht aber es verteilt sich auf die verschiedenen Höfe, Veranstaltungsorte und Räume. Man hat die Möglichkeit sich mit den Winzern ausführlich zu unterhalten sich die Weine erklären zu lassen. Die Winzer haben sich für jeden Besucher ausführlich Zeit genommen. Die anwesenden Winzer sind keine unbekannten, doch im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen wird das Augenmerk auf Qualität gelegt. Und so habe ich fast keine Basic-Weine in der Verkostung gefunden. Alle präsentierten Weine spielen zumindest in der Bundesliga oder sogar in der Champions League. Man hat hier die Möglichkeit Weine zu verkosten, die bei anderen Präsentation gar nicht erst ins Glas kommen. Eine sehr schöne, gelungene Veranstaltung.“
Genussfreak: „Es gibt Stimmen, die Veranstaltungen in dieser Größe als nicht vereinbar halten zum Grundgedanken der Nachhaltigkeit. Wie schwer ist es für Sie dies in Einklang zu bringen?“
Anna Lageder: „Jedes Jahr stellt dies eine spannende und nicht ganz einfache Herausforderung dar. Ich bin davon überzeugt, dass unser Angebot auch nach so vielen Ausgaben interessant und attraktiv bleibt, weil es sich aus der Zusammenarbeit mit vielen der teilnehmenden Winzer und Partner ergibt. Aus der gemeinsamen Begeisterung für Summa entstehen immer wieder originelle Ideen. - Neben dem Fokus auf nachhaltiges Event Management - die Veranstaltung ist als Green Event zertifiziert – hat die Summa auch einen sozialen Hintergedanken. Auch in diesem Jahr kommen 10 Euro pro Gast der Organisation Haus der Solidarität zu Gute, die sich seit 16 Jahren um Menschen in Not kümmert.“
Genussfreak: „Herr Vestri, für wie wichtig erachten Sie das nachhaltige Arbeiten im Weinbau und die hier gelebte Philosophie der Biodynamic?“
Andrea Vestri: „Man sagt: Den Wein macht man im Weinberg nicht im Keller. Im Weinkeller kann man bestenfalls noch etwas nachjustieren. 80 Prozent des Weines werden im Weinberg gemacht. Ein großes Thema ist sicherlich die Nachhaltigkeit. Wir besuchen immer wieder Winzer, auch bei unseren Weinreisen und es zeigt sich, dass das Thema Nachhaltigkeit, weniger Einsatz von Pestiziden, biologischer Anbau und Biodynamic eine immer größere Rolle spielt. Man geht mit der Natur sorgfältiger um. Biodynamisch ist sicherlich die Spitze dieser nachhaltigen Arbeit. Zwischen 50 Prozent und 100 Prozent Biodynamik ist ein großer Unterschied. Doch der Weg dorthin ist wichtig. Biodynamische Weine werden sicherlich noch deutlicher durch die Natur geprägt. Dies kann man oft auch schmecken Und man sollte nicht den Fehler machen und die Weine sofort eins zu eins vergleichen. Unsere Eltern und Großeltern waren es noch gewohnt naturnahe Weine zu trinken. Doch in den letzten 20 bis 30 Jahren hat sich natürlich viel in der Kellertechnik getan. Und auch das Wissen um die Arbeit im Weinberg ist gewachsen Und verfeinert worden. All dies kann man jetzt mit der Nachhaltigkeit im Weinbau verbinden und tolle Bio-Weine und biodynamische Weine produzieren.“
Genussfreak: „Ist die geschmackliche Qualität der Weine aus Ihrer Sicht abhängig von der Art des Anbaus?“
Andrea Vestri: „Natürlich ist der Geschmack des Weines abhängig von der Anbauweise. Man spürt wenn ein Wein zu 100 Prozent natürlich produziert wird. Man ist natürlich an einem vorhandenen Standard-Geschmack gewöhnt und das schon seit Jahren. Wenn wir jetzt im Biowein einen neuen Geschmack haben empfinden wir ihn eventuell als nicht passend.“
Genussfreak: „Herr Lageder, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Sie die Biodynamik mit all ihren Facetten leben. Welche Bedeutung hat diese Lebensweise für Sie?“
Alois Clemens Lageder: „Mitte der 70er Jahre begann unsere Familie das Weingut mit einem strikten Qualitätskurs und innovativen Methoden in Weinberg und Keller neu zu positionieren. Heute werden die 50 Hektar familieneigene Weinberge biologisch-dynamisch bewirtschaftet. Wir betrachten die Inhalte unserer Arbeit in der Gesamtheit ihrer Eigenschaften und Beziehungen miteinander. Die Entwicklungen im Mikrokosmos Weinberg unterliegen vielfältigen Einflüssen: von der Bodenbeschaffenheit, den hier beschäftigten Menschen bis zu den großen Zusammenhängen wie globale Klimaentwicklung und dem Lauf der Gestirne. Aber unsere Philosophie spiegelt sich z.B. auch in unseren neuen Etiketten, die wir seit diesem Jahr haben.“
Helena Lageder: „Unser Weingut hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und wir haben unsere Ideen für die Zukunft geschärft. Wir haben intensiv an der Qualität und der Stilistik unserer Weine gearbeitet, unsere Arbeit neu strukturiert, unseren Horizont erweitert. Wir erachten es als wichtig, dass dieser Prozess auch von außen verstärkt wahrgenommen wird. Die neuen Etiketten verkörpern unseren Wertekanon und vermitteln mit jeder Flasche unsere Philosophie.“
Alois Clemens Lageder: „Neben den Etiketten gibt es noch weitere Neuerungen in der Ausstattung: Die Weine werden von nun an ausschließlich in Burgunderflaschen gefüllt und mit Korkverschluss versehen. Für den Verschluss der Burgunderflasche haben wir gänzlich auf Metall und andere schwer recyclebare Materialien verzichtet. Anstelle einer Kapsel und eines Drehverschlusses verwenden wir eine elegante Schleife aus Naturpapier und Naturkork.“
Genussfreak: „Herr Lageder, wie wichtig ist für Sie der Betriebsstandort Südtirol?“

Alois Clemens Lageder: „Südtirol weist eine besondere geologische, mikroklimatische und kulturelle Vielfalt auf. Aus dieser Vielfalt wollen wir schöpfen und so jede Rebsorte bestmöglich zum Ausdruck bringen. Auch aus diesem Grund arbeiten wir mit rund 80 Winzerpartnern zusammen, die sich über die gesamte Region verteilen. Durch die teilweise seit über Generationen bestehende Partnerschaften können wir auf die Diversität Südtirols zurückgreifen und ein einzigartiges und vielseitiges Sortenspektrum anbieten.“
Genussfreak: „Herr Vestri, Sie als Inhaber und Dozent der Münchner Wein- und Sommelierschule European Wine Education haben einen umfassenden Blick auf die Weinwelt. Wo steht für Sie Südtirol im Allgemeinen im Vergleich zum internationalen Weinbau und im Besonderen natürlich in Bezug auf Biodynamik?“
Andrea Vestri: „Südtirol im Allgemeinen steht für mich ganz weit oben auf der Skala. Südtirol hat sich in den letzten 15 Jahren enorm gesteigert, wie natürlich auch viele andere Weinanbaugebiete. Doch Südtirol steht für eine Vielzahl von Rebsorten von Weißburgunder über Sauvignon Blanc, Traminer, Müller-Thurgau, Vernatsch, Lagrein, grauer Vernatsch, Pinot Nero und, und, und. Beim Besichtigen der Weingüter in Südtirol bekommt man einen Eindruck von der Liebe der Winzer zu ihrem Wein und ihrer Heimat, der nachhaltigen Bewirtschaftung. Auch muss man berücksichtigen, dass in Tirol viele klimatische Zonen abgedeckt werden, wodurch die große Vielfalt der Südtiroler Weine auch gegeben ist. Ein Vorteil für die Entwicklung der Biodynamik in Südtirol ist sicherlich die Größe der Weingüter. Ein Weingut mit 5 bis 6 Hektar ist leichter auf Biodynamic umzustellen und zu verwalten als ein großes Weingut. Damit steht Südtirol für hohe Qualität und Nachhaltigkeit bei einem guten Preis-Genuss-Verhältnis in meinem persönlichen Ranking ganz weit oben.“
Genussfreak: „Gibt es Weine aus dem Hause Lageder und/oder der anderen Winzer, die Sie bei den Verkostungen besonders fasziniert und überrascht haben?“
Andrea Vestri: „Vom Weingut Lageder haben mich der Löwengang Chardonnay und der Cabernet Sauvignon Cor Römigberg begeistert. Sie gehören für mich zu den besten Weinen Norditaliens, wenn nicht sogar Gesamtitaliens. Auch der ‚Zibibbo in Pithos‘ vom Weingut Cos aus Cerasuolo di Vittoria war ein ganz toller Wein. In der Amphore trocken ausgebaut hat er leicht oxidative Noten. Die oxidierten Schalen werden jeden Tag mit der Hand von der Oberfläche in der Amphore abgeschöpft und die restlichen Schalen werden mehrmals am Tag ebenfalls von Hand runter gedrückt

(Batonnage), ein sehr aufwendiges Verfahren, doch das Ergebnis spricht für sich. Monteverro, der typische Wein aus der südlichen Toskana mit französischen Trauben war wunderschön, sehr gut haben mir auch die Weine des Weingutes Villa Santo Stefano aus Lucca in der Toskana gefallen und selbst die Weine Aus China, die ja in einem Joint Venture mit dem Österreichischen Winzer Lenz Moser entstehen waren sehr schöne Weine.“
Genussfreak: „Ein kurzes Fazit zur Summa 2019?“
Helena Lageder: „Ich freue mich alten und neuen Freunden auf der Summa zu begegnen. Der Austausch zwischen Winzern ist sehr inspirierend und wertvoll für meine neue Rolle im Weingut“
Alois Clemens Lageder: „Die ruhige und familiäre Atmosphäre und vor allem der direkte Dialog standen auch heuer wieder im Vordergrund. Die positive Energie, die wir dieses Jahr auf der Summa gespürt haben, ist überwältigend. Der intensive Austausch zwischen Winzern und Fachpublikum und die familiäre, entspannte Atmosphäre machen die Summa für uns zu einer Veranstaltung, aus der wir jährlich Inspiration und neue Ideen für unsere Arbeit schöpfen.“
Anna Lageder: „Ich glaube, dass vor allem dieses besondere Ambiente der historischen Gebäude die Summa von anderen Weinveranstaltungen unterscheidet. Winzer, Fachpublikum, Journalisten und Weininteressierte können sich in Ruhe und auf Augenhöhe austauschen. Wir sind so etwas wie eine große Familie, die jedes Jahr in Margreid zusammenkommt. Es ist toll, wie viele Nationen sich an diesen zwei Tagen in so einem kleinen Dorf wie Margreid vereinen.“
Genussfreak: „Bleibt Ihr Resümee Herr Vestri?“
Andrea Vestri: „Ich muss die Worte von Alois Clemens Lageder wiederholen: ‚Geprägt wird die Summa durch die ruhige familiäre Atmosphäre und den direkten Dialog mit den Winzern.‘ Ich hatte zwei wunderschöne, interessante Tage. Es ist eine super entspannte Atmosphäre. Ursprünglich habe ich zu meiner Frau gesagt, ich gehe nur Samstag hin und wir genießen den Sonntag noch in Südtirol den zweiten Tag brauche ich nicht für die Summa. Doch Sie musste am Sonntag auf mich verzichten. Ich war am Sonntag auch noch da, es war so wunderschön, ich hatte wahnsinnig Spaß daran dort weitere tolle Weine zu probieren. Es gibt Veranstaltung, da ist man nach 20 Weinen schon müde und möchte keine weiteren probieren. Auf der Summa ist dies komplett anders. Der wunderschöne Rahmen in den historischen Gebäuden, das besondere Ambiente, eine besondere Gelegenheit bekannte Gesichter wiederzusehen, sowohl beim Publikum als auch unter den Winzern. Ich hoffe, dass die Summe auch in diesem Rahmen bleibt und nicht ausufert, das fände ich schade. Auch über die Besucher kann ich nur positiv urteilen, ein interessiertes, erlesenes Publikum. 80 € Eintritt hört sich zunächst viel an, doch wenn man sieht, welchen Gegenwert man dafür erhält ist dies absolut günstig. In dem Moment, wo man eintritt ist alles kostenlos. Nicht nur die Weinproben, auch der Espresso, das Wasser, Mittagessen kleine Snacks wie Käse, Schinken und vieles mehr. Wenn man überlegt, dass ein Glas Monteverro, von dem die Flasche über 100,- € kostet, wenn man es probiert mindestens 15,- € wert ist, was soll man dann noch sagen. Es macht einfach Spaß auch solch erlesenen Weine zu probieren. Daher mein Fazit zur Summa: Mega, Grande, Bravi Lageder.“

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