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SIMG5047.JPGDenkmäler von Weltrang 

Trotz vielerlei auf und ab ist die Entwicklung Deutschlands zur Industrienation eng verknüpft mit dem Bergbau und der Stahlgewinnung. Stätten, an denen einst harte Arbeit den Alltag der Menschen prägte, zählen heute zum UNESCO-Welterbe. Sie gewähren tiefe Einblicke in ein spannendes Kapitel deutscher Geschichte. Dieser unscheinbare Teich in Clausthal-Zellerfeld (unser Foto) gehört zum größten künstlich angelegtem Wassersystem zur Energiegewinnung für den Oberharzer Bergbau.

Das Getöse an den Hochöfen und das Quietschen der Hängebahn-Loren ist lange verklungen. 1986 wurde die Völklinger Hütte stillgelegt. Doch nach wie vor erzählen die Menschen in der saarländischen Metropole Geschichten von der Zeit, als die Stahlproduktion fast jede Familie der Stadt ernährte. Die Hütte ist nicht abgerissen worden, sie ist nach wie vor ein Teil ihres Lebens, ein gigantischer Koloss in ihrer Mitte, identitätsstiftendes Wahrzeichen, Ausdruck stolzer Tradition und lebendige Erinnerung zugleich. Als die UNESCO mit der Völklinger Hütte 1994 erstmals eine Industrieanlage zum Weltkulturerbe adelte, wurde ein bis dahin beispielloses Projekt belohnt. Nach harter Arbeit war es gelungen, in einer vom Strukturwandel arg gebeutelten Region eine ausgediente Produktionsstätte zu erhalten. Nachfolgende Generationen profitieren: Der aufwendige Prozess der Stahlgewinnung ist heute nicht nur graue Theorie auf Schaubildern in einem Lexikon – in der Völklinger Hütte bleibt er in jeder einzelnen Phase „begreifbar“.

Doch von der Anerkennung durch die UNESCO ging auch ein weit reichendes Signal aus: Industrieanlagen sind nicht unliebsamer Schrott einer verstaubten Vergangenheit, sondern Denkmäler und damit wertvoller Bestandteil unserer Kultur. Diese Standortbestimmung hat die Wahrnehmung in der Gesellschaft verändert und einer Reihe weiterer Industriedenkmäler den Weg zur Anerkennung durch die UNESCO geebnet.

Im Jahre 2001 folgte der Industriekomplex Zollverein in Essen. In der ehemaligen Steinkohlezeche und Kokerei wird der Bergmanntradition des Ruhrgebiets gehuldigt. Die monumentale Übertageanlage blieb im Originalzustand erhalten. Wie die Kohleförderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts ablief, wird auf dem Denkmalpfad Zollverein lebensnah veranschaulicht. Gleichzeitig gilt die von Fritz Schupp und Martin Kremmer konstruierte Schachtanlage als herausragendes Beispiel moderner Architektur im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Auf fast 1.000 Jahre Bergbautradition verweist gar das Bergwerk Rammelsberg, das seit 1992 mit der Altstadt Goslars zusammen ein Welterbe bildet. Das ehemals größte zusammenhängende Kupfer-, Blei und Zinkerzvorkommen im Harz spornte die Menschen über die Jahrhunderte hinweg zu technischen Höchstleistungen an. Einblicke in diese spannende Entwicklungsgeschichte lassen sich in der nach seiner Stilllegung zum Besucherbergwerk umgestalteten Anlage mit Museum gewinnen. Komplettiert wird dieser Eindruck durch die seit 2010 ebenfalls zum UNESCO-Welterbe zählende Oberharzer Wasserwirtschaft. Dahinter verbirgt sich ein ausgeklügeltes Teich- und Grabenverbundsystem. Es wurde bereits im Mittelalter begonnen und war über die Jahrhunderte hinweg der entscheidende Energielieferant für den Bergbau. Noch heute werden ein Großteil von Gräben, Wasserläufen, Teichen und Talsperren in Betrieb gehalten.

Das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld wurde 2011, genau 100 Jahre nach seiner Erbauung, als Welterbe anerkannt. Die Schuhleistenfabrik ist heute noch Produktionsstätte der Fagus-Gre Con und gilt als Schlüsselbau der Moderne. Der Architekt Walter Gropius schuf hier sein Erstlingswerk, bevor er in Weimar das weltberühmte Bauhaus (seit 1996 Welterbestätte) gründete. Und so spiegelt sich im aufwendig sanierten Fagus-Werk, dessen ehemaliges Lagerhaus heute ein großartiges Museum beherbergt, der Beginn einer neuen Auffassung in Architektur und Design. Oder wie die deutsche UNESCO-Kommission es beschrieb: Mit der Konstruktion aus Glas und Stahl verlieh Gropius dem dreistöckigen Fassadengebäude eine „schwerelose Eleganz, die damals für Fabriken außergewöhnlich war".

Das jüngste Industriedenkmal, das in Deutschland als universelles Erbe der Menschheit besonderen Schutz genießt, ist die Hamburger Speicherstadt und das Kontorhausviertel mit Chilehaus. Die Hamburger Speicherstadt ist das größte zusammenhängende, einheitlich geprägte Speicherensemble der Welt und vermittelt in einzigartiger Weise die maritime Industriearchitektur des Historismus und Modernismus. Bis heute ist die Speicherstadt nahezu unverändert erhalten. Sie wurde auf Eichenpfählen in drei Bauabschnitten auf einer Inselgruppe in der Elbe errichtet. Und besteht aus 15 großen Lagerhäusern mit rotem Backstein in neogotischer Architektur.