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Cafe-Weimar 24-06-19.jpgWiener Kaffeehaus Stil _ Stuhl

Schauen wir einmal zurück in die Vergangenheit, so saßen wir Menschen ursprünglich auf dem Boden. Um sich gegen den kalten Untergrund zu schützen halfen Tierfelle oder Holzstämme. Später kamen dann gewebte Decken hinzu bis dann irgendwann der Stuhl oder Hocker als Sitzgelegenheit diente. Eher in den unteren Schichten war der Hocker mit gezapften Beinen die Sitzgelegenheit schlechthin. Vornehmlich das Bürgertum entdeckte für sich den Stuhl. Doch das war erst im 16. Jahrhundert der Fall. Weit älter schein der „Griechische Stuhl“ zu sein; heute ein mit Sitzgeflecht und Draht zusammengehaltene Sitzgelegenheit. Wie alt? Das wissen wahrscheinlich nur die Götter. Doch schon im Altertum scheint es ein Vorgängerexemplar gegeben zu haben. „Neuere“ Exemplare sind wohl seit 300 Jahre nachweisbar. Vincent van Gogh verewigte ein solches Exemplar 1888.

Eine ähnliche Designikone ist der Wiener Kaffeehaus-Stuhl von Thonet. Die einzigartige Erfolgsgeschichte des weltbekannten Sessels (so heißt in Österreich der Stuhl) begann vor 160 Jahren. Und die Herstellerfirma feiert 2019 ihr 200-Jahre-Jubiläum.

Kaffeehaus-Stil

Er ist das berühmteste Wiener Designmöbel und untrennbar mit dem Kaffeehaus verbunden: Der Sessel-Klassiker Nr. 14 von Thonet gilt als der traditionelle Wiener Kaffeehaus-Stuhl. Die Rückenlehne dieses Sessels besteht aus zwei Holzbögen und ist das Paradebeispiel der auf Bugholzmöbel spezialisierten Firma Thonet. Mit der Erfindung, massives Holz durch Wasserdampf zu biegen, revolutionierte Michael Thonet einst die Möbelproduktion.

Der gebürtige Rheinländer kam auf Einladung von Fürst Metternich nach Wien und gründete 1849 in Wien eine eigene Werkstatt. Doch schon bald verlegte Michael Thonet die Produktion nach Mähren, wo es ausreichend Holz und billigere Arbeitskräfte gab. Aus der Werkstatt „Gebrüder Thonet“ wurde ein Industrieunternehmen mit Weltgeltung, dessen Wurzeln in Wien liegen. Das neue, arbeitsteilige Herstellungsverfahren ermöglichte erstmals eine industrielle Serienfertigung. Der Sessel ließ sich in sechs Einzelteile zerlegen und somit in alle Welt verschicken. Zahlreiche weitere Sessel von Thonet wurden zu Ikonen der Designgeschichte. Adolf Loos und Otto Wagner entwarfen ebenso Modelle für Thonet wie Josef Frank.

Sitzproben

2019 feiert der Sessel Nr. 14, der mittlerweile unter der Nr. 214 geführt wird, seinen 160. Geburtstag. Wer ihn probesitzen möchte, ist in Wien genau richtig. Der Thonet-Sessel Nr. 14 ist in typischen Wiener Kaffeehäusern zu finden, etwa im Café Tirolerhof, in der Café-Konditorei L. Heiner, in der Conditorei Sluka beim Rathaus oder im Café Weimar bei der Volksoper. Und auch in modernes Interieur findet sich der Sessel perfekt ein, wie der aktuelle Thonet 214 im Café Ulrich im 7. Bezirk zeigt.

Jubiläum

Anlässlich des 200-Jahre-Jubiläums des Unternehmens Thonet präsentiert das Wiener MAK eine umfassende Ausstellung über das größte Möbelimperium des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung Bugholz, vielschichtig. Thonet und das moderne Möbeldesign zeigt die zentrale Bedeutung der Firma Thonet für das Möbeldesign der Moderne und stellt ihre charakteristischen und weltbekannten Bugholzmöbel in den Kontext zeitgenössischer technologischer, typologischer, ästhetischer und historischer Entwicklungen.

Bugholz, vielschichtig. Thonet und das moderne Möbeldesign, 18.12.2019-13.4.2020, MAK –Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien