Reisen ist kein Privileg

In der Adelserziehung der Frühen Neuzeit war das Reisen ein Privileg. Das belegt die Forschung zur Kavalierstour bzw. Grand Tour als Bildungsreise der europäischen Oberschicht. Wie die Situation heute ist, recherchierte luckx – das magazin.

Jet Set

Nun war es für Bauern, Leibeigenen und Fabrikarbeitern eher ungewöhnlich, vom Weg zur Arbeit und zurück abzuschweifen und mal eben eine andere Stadt oder sogar ein anderes Land zu besuchen. Allein schon aus Verständigungsgründen. So blieb das Reisen beim Adel und wurde in der Frühen Neuzeit zu einem wesentlichen sozialen Träger von Kenntnissen moderner Fremdsprachen. Die Höfe wurden in ganz Europa mehrsprachig und der Erwerb „lebender“ Fremdsprachen obligatorischer Bestandteil der Adelserziehung. Erst im Schuljahr 1964/65 wurde Englisch als Pflichtfach in den deutschen Haupt- und Realschulen eingeführt. Wenn auch nur rudimentär, so waren diese Schüler später in der Lage, sich in einer Fremdsprache zu verständigen. Damit konnten sich auch Hauptschüler in einer Sprache verständigen. Dadurch wurde die Voraussetzungen für Auslandsreisen deutlich verbessert. Auch die deutschen Gewerkschaften trugen ihren Teil zur Reisemöglichkeit. Mit ihren Aktionen wie „Samstag gehört Papi mir“ und den Forderungen nach mehr Urlaubstagen trugen sie zur Verbesserung der Reisemöglichkeiten bei. Damit konnte dann endlich auch das Grundrecht des in Deutschland festgeschrieben Artikel 11 des Grundgesetzes (GG) der Bewegungsfreiheit erfüllt werden. Auch International ist es nach Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte jedem Mensch erlaubt, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen, jedes Land (einschließlich des eigenen) zu verlassen und in sein Heimatland zurückzukehren. Innerhalb der Europäischen Union gehört die Freizügigkeit zu den Grundfreiheiten, die es EU-Bürgern erlaubt, sich frei in den Mitgliedstaaten zu bewegen und aufzuhalten. Doch die Möglichkeiten des Jet Sets, heute hier und morgen dort zu sein, setzt der finanzielle Rahmen erhebliche Einschränkungen.

Heute hier, morgen dort

Ein Wochenende in Rom, ein Sommer am Meer, ein Winterurlaub in den Bergen. Für viele Menschen zählt das zum gewohnten Alltag; planbar, buchbar, fast beliebig wiederholbar. Der Großteil der Weltbevölkerung erreicht diese Selbstverständlichkeit dagegen nie. Für ihn bleibt der eigene Ort oft die einzige bekannte Welt. Einkommen, Inklusion, Pass und Herkunft bestimmen, wem diese Freiheit offensteht und wem nicht. Aktuelle Zahlen belegen dieses Gefälle deutlich, mit teils gewaltigen Unterschieden zwischen einzelnen Ländern und Regionen. Dass Reiseerfahrung extrem ungleich verteilt ist, belegt beispielsweise eine Untersuchung des Pew Research Center (2023). Während in Schweden 88 % der Bürger bereits in fünf oder mehr Länder gereist sind, hat fast ein Viertel der Bevölkerung in den USA noch nie das eigene Land verlassen. Für Menschen im globalen Süden sowie in vielen Schwellenländern bleibt die Reisefreiheit oft ganz theoretisch. Einkommen spielt dabei eine zentrale Rolle. In den 20 der 24 untersuchten Länder gilt: Wer mehr verdient, reist eher international. Auch Bildung wirkt sich aus, in 18 Ländern reisen höher Gebildete häufiger ins Ausland.

Diese Kluft erkennt auch Marco Spiss, Inhaber der Summit Lodges in Pfunds, an. Für ihn ist Reisen „ein Luxus“, den sich große Teile der Weltbevölkerung schlicht nicht leisten können, weil ihr Einkommen fast vollständig für Grundbedürfnisse draufgeht. Er plädiert dafür, das Reisen entsprechend wertzuschätzen, Ressourcen zu schonen und lokale Kulturen zu respektieren.

Der Pass entscheidet über die Reisefreiheit

Der Zugang zu Reisen hängt außerdem maßgeblich vom Geburtsort ab. Urlauber aus einkommensschwächeren Ländern und Regionen stoßen oft auf immense bürokratische Hürden und restriktive Visaverfahren. Wie ungleich Reisefreiheit weltweit verteilt ist, zeigt der aktuelle Henley Passport Index. Während Inhaber eines deutschen Passes Zugang zu 186 Destinationen ohne vorher beantragtes Visum haben, sind es beim indischen Pass nur rund 55. Für Menschen aus Ländern mit schwächeren Pässen können Visa, Gebühren, Nachweise und lange Bearbeitungszeiten internationale Reisen erheblich erschweren. Während der globale Westen Bewegungsfreiheit als Grundbedürfnis wahrnimmt, zeigen sich an den Grenzen die realen Macht- und Wohlstandsgefälle.

Dass individuelle Reisemöglichkeiten heute begrenzter sind als noch vor wenigen Jahren, beobachtet auch Marion Muller, Besitzerin der SANDcollection mit ihren zwei Hotels an Nordsee (SANDglow) und Ostsee (SANDnature). Unterwegsein sei restriktiver und bewusster geworden, bedingt durch Krisen und Konflikte weltweit, den Klimawandel, die Staatsangehörigkeit und die persönliche Lebenssituation der Urlauber, aber auch durch ein sich veränderndes Transport- und Reiseangebot. Wird fortgesetzt.