Gib mir fünf!

Eigentlich war es eine Notlösung. Jedenfalls begann so die Geschichte der Audi Fünfzylindermotoren. Im August 1976 sollte mit der Präsentation des Audi 100 der zweiten Generation eine neue Ära beginnen. Er soll gegenüber dem Vorgänger höher positioniert werden. Doch so einfach war es nicht wie luckx – das magazin recherchierte.

So entstand der Kultmotor

Deshalb diskutieren die Audi-Ingenieure in der Entwicklungsphase den Einsatz von Fünfzylinder- und Sechszylinder-Reihenmotoren. Letztere scheiden aufgrund des benötigten Bauraumes und der ungünstigen Gewichtsverteilung aus. Also setzen die Verantwortlichen auf den Fünfzylinder-Reihenmotor, ein zwar schon bekanntes, aber in der automobilen Großserie bis dahin kaum genutztes Antriebskonzept. Basierend auf dem 1972 erstmals im Audi 80 vorgestellten Vierzylinder-Reihenmotor (EA 827), der damals im gesamten Volkswagenkonzern zum Einsatz kommt, entsteht so der Fünfzylinder-Ottomotor EA 828. Er verhilft dem Audi 100 der zweiten Generation zu einem Mehr an Leistung und Prestige und wird – in verschiedenen Ausbaustufen – die nächsten Jahrzehnte Motorentechnologie bei Audi auf ganz besondere Weise prägen.

Vom Vierzylindermotor können zahlreiche Konstruktionsmerkmale übernommen werden wie beispielsweise die obenliegende, über Zahnriemen angetriebene Nockenwelle, der Zylinderabstand von 88 Millimetern, der Zylinderdurchmesser sowie die Anordnung von Ventilen, Zündkerzen und Einspritzdüsen. Dahingegen erfordert die längere Kurbelwelle einen größeren Hauptlagerdurchmesser; neben zahlreichen weiteren Änderungen gegenüber dem Ausgangsmotor wird auch der Hub auf 86,4 Millimeter vergrößert. Der spezielle Klang des Fünfzylinders entsteht durch die ungerade Zylinderanzahl und die besondere Zündfolge 1-2-4-5-3. Dabei arbeiten abwechselnd direkt benachbarte und weit voneinander entfernte Zylinder in einem Zündabstand von 144 Grad Kurbelwellendrehwinkel, der zugunsten der bestmöglichen Laufruhe gewählt wird. Eine moderne Einspritzanlage steigert beim Topmodell Leistung, Effizienz und Kraftentfaltung. Der erste Audi Fünfzylindermotor mit 2.144 cm³ Hubraum im Audi 100 5E leistet 100 kW (136 PS). Er beschleunigt das Auto in 9,5 Sekunden auf 100 km/h und ermöglicht eine Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h.

Die Entwicklung geht weiter

Bereits 1978 präsentiert Audi die erste Fünfzylinder-Dieselversion: einen Saugdiesel mit zwei Litern Hubraum und 51 kW (70 PS). Ein Jahr später debütiert der erste Fünfzylinder-Benziner mit Turboaufladung im damaligen Topmodell, dem Audi 200 5T (125 kW / 170 PS). Da der Hubraum nicht wesentlich vergrößert werden kann, ist die Aufladung mittels Turbolader die einzige Möglichkeit, die Leistung des Motors deutlich anzuheben. Entscheidend für die Wahrnehmung des Fünfzylinders in der Öffentlichkeit wird das Jahr 1980: Im März stellt die Marke mit den vier Ringen den Audi quattro auf der Messe in Genf vor. Sein turboaufgeladener Fünfzylinder leistet zum Verkaufsstart 147 kW (200 PS). Das in Verbindung mit Ladeluftkühlung und dem permanenten Allradantrieb quattro starke Technik-Package ermöglicht es Audi, in den Folgejahren auch im Motorsport zahlreiche Erfolge einzufahren, darunter zwei Mal die Markenweltmeisterschaft und zwei Mal die Fahrerweltmeisterschaft im damals sehr populären Rallyesport – Titel, die das Image der Marke stärken und den „Mythos Fünfzylinder“ befeuern. Bei den Rallyeautos der späteren Gruppe B leistet die Endausbaustufe des potenten Aggregats – nunmehr in Verbindung mit Vierventiltechnik – deutlich mehr als 500 PS, im Audi IMSA GTO, der 1989 die amerikanische Tourenwagenszene aufmischt, sogar 530 kW (720 PS).

Ab in die Serie

Auch bei den Serienmodellen spendiert Audi dem beliebten Aggregat einige Leistungskuren: Im 1994 vorgestellten Avant RS2, der zum Ende der Bauzeit des Audi 80 (B4) erscheint, schöpft der Motor aus seinen nach wie vor überschaubaren 2,2 Litern Hubraum 232 kW (315 PS). Der Avant RS2 ist seinerzeit der stärkste Serienkombi der Welt und begründet bei Audi die Tradition der RS-Hochleistungsmodelle. Fast parallel dazu verabschieden sich die Fünfzylinder mit Einführung des Audi A4 (B5) 1994 aus dem B-Segment. Die neuen V6-Motoren lösen sie Mitte der 1990er-Jahre schrittweise ab. Die letzten Fünfzylinder der ursprünglichen Baureihe, der 2.5 TDI im Audi A6 und der 20V Turbo mit 2,2 Liter Hubraum im Audi S6 laufen 1997 aus.

Für die Fans des Fünfzylinder-Sounds entsteht so eine Wartezeit, bis die quattro GmbH im Jahr 2009 den Audi TT RS mit quer verbautem 2,5 Liter TFSI Motor – ein auf Basis des Konzernmotors EA 855 entwickeltes Hochleistungsaggregat mit verstärktem Motorblock und 250 kW (340 PS) Leistung – auf die Straßen schickt. In den RS-Modellen der A-Baureihe, seit 2016 verantwortet von der Audi Sport GmbH, belebt der beliebte Motor in verschiedenen Ausbaustufen in den Folgejahren den Fünfzylinder-Kult wieder und wird insgesamt 9-mal in Folge zum „engine of the year“ gekürt.

Sonderausstellung

Mit „1-2-4-5-3: 50 Jahre Audi Fünfzylindermotor“ widmet nun Audi mit der Sonderausstellung im Audi museum mobile die notwendige Würdigung dieser genialen Idee. Seit dem 1. August 2026 bis 28. Februar 2027 werden neben den Motoren auch die Fahrzeuge gezeigt, wo der Motor verbaut wurde.