Krankentage

Faulenzer, Nichtsnutze, Krankfeierer, Arbeitsscheue. So oder ähnlich mussten sich Arbeitnehmer in letzter Zeit beschimpfen lassen. Was dabei so manchen politischen Amtsträger geritten, seine Wähler so zu beleidigen, bleibt wohl im Verborgenen. Nun kommen nach und nach die wahren Gründen für Fehlzeiten ans Tageslicht, wie luckx – das magazin recherchierte.

Stressdiagnosen bei Berufstätigen auf Höchststand

Berufstätige sind im vergangenen Jahr so häufig wie noch nie wegen akuter Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen im Job ausgefallen: Laut Daten der KKH Kaufmännische Krankenkasse kamen 2025 aufgrund dieser Diagnose knapp 119 Krankentage auf 100 Versicherte. Zum Vergleich: Im Vorjahr 2024 fehlten Arbeitnehmer rund 112 Tage wegen derartiger Belastungen, die häufig durch Dauerstress und anhaltenden mentalen Druck entstehen. Zu Beginn der Analyse 2017 waren es noch rund 66 Tage. Im Vergleich zu 2025 bedeutet das einen Anstieg um fast 80 Prozent. Und nicht nur das: Akute Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen können die Vorstufe einer Depression sein. 2025 waren sie die häufigste psychische Diagnose bei Berufstätigen und der dritthäufigste Krankschreibungsgrund überhaupt – gleich hinter Infektionen der oberen Atemwege und Rückenschmerzen.

Die Ursachen ergeben dann ein völlig anderes Bild als von Politikern in ihren Schimpftiraden vermittelt wurde. Neben privaten sowie gängigen beruflichen Stressoren wie etwa einem zu hohen Arbeitspensum und ständigen Überstunden, einem geringen Gehalt und Existenzängsten oder Konflikten mit Kollegen und Vorgesetzten kommt der modernen Arbeitsweise mit Laptop und Smartphone ebenfalls eine Rolle zu. So kommt heraus, dass mobiles Arbeiten und zeitliche Flexibilität sind sicherlich auf der einen Seite Freiheit.

Druck durch permanente Selbstorganisation

Auf der anderen Seite ist es Druck durch permanente Selbstorganisation und Verantwortung ohne klare Grenzen. So entsteht ein unsichtbarer Stress durch Unklarheit. Moderne Arbeit kann erschöpfen, obwohl sie flexibler geworden ist. Arbeit stresst heute nicht nur, weil sie grundsätzlich als zu viel erlebt wird, sondern auch, weil vieles unentschieden, diffus und ungeklärt bleibt. Nicht nur die Arbeit selbst setzt viele Menschen unter Druck, sondern das permanente Interpretieren: Wer ist zuständig? Was wird erwartet? Was darf ich ablehnen? Muss ich nonstop erreichbar sein? Wann ist etwas genug? Auf welchem Kanal soll ich kommunizieren? Flexibles Arbeiten kann also dann Stress auslösen, wenn klare Regeln fehlen, wenn Zuständigkeiten, Prioritäten oder Erwartungen unausgesprochen bleiben und die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. Besonders diese ständige Unklarheit kann es erschweren, sich nach der Arbeit gedanklich zu distanzieren und zur Ruhe zu kommen. Auf Dauer kann dies zu Anspannung und mentaler Erschöpfung führen.

Fragmentiertes Arbeiten

Die Mittagspause für den Hausputz oder das Fitnessstudio verlängern, nachmittags die Kinder zum Sport begleiten und dafür abends nochmal für ein paar Stunden den Laptop aufklappen – in vielen Fällen trägt diese Flexibilität zu einer besseren Work-Life-Balance bei. Diese sogenannte Arbeitszeitfragmentierung, sprich das Aufbrechen des Arbeitstages in mehrere kurze Phasen, kann aber auch zu einem stärkeren Zeit- und Leistungsdruck führen. Denn: Ein häufiger Wechsel zwischen Arbeit und Privatleben bedingt zum einen, dass die damit einhergehenden unterschiedlichen Rollen einmal mehr Zeit und Energie kosten können. Zum anderen entstehen durch eine Ausweitung der Arbeitszeit auf die Abendstunden verkürzte Ruhezeiten und ein längerer wöchentlicher Arbeitszeitrahmen. Das kann kurzfristig die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, den Schlaf und das Wohlbefinden insgesamt beeinflussen und langfristig sogar schwerere gesundheitliche Probleme wie Belastungsreaktionen, chronische Erschöpfung und einen Burnout nach sich ziehen.

Care-Arbeit ist keine Pause!

Eine veränderte Arbeitszeit mit „Teilschichten“, wie sie im Gastgewerbe üblich ist, verschiebt Grenzen. So kann das Aufweichen von Arbeitszeitgrenzen und die Möglichkeit, die Arbeitszeit für private Verpflichtungen zu unterbrechen, zwar grundsätzlich die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben fördern. Doch trägt das nur dann zu einer besseren Work-Life-Balance bei, wenn die Rahmenbedingungen klar definiert sind. Das gilt vor allem, wenn Berufstätige ihren Job zugunsten von Care-Arbeit für die Familie unterbrechen. Denn dann machen sie keine Erholungspause, sondern arbeiten unbezahlt weiter. Unternehmen sollten daher klare Strukturen schaffen, an denen sich Arbeitnehmer orientieren können. Dazu gehören verbindliche zeitliche Obergrenzen für die Arbeitstage und klare Regeln für Ruhezeiten im Job. Führungskräfte können die Erholung von Mitarbeitenden fördern, indem sie Pausen und freie Zeiten bewusst respektieren. Um eine ständige Erreichbarkeit zu vermeiden, sind außerdem klare Kommunikationsregeln wichtig. Dazu gehört etwa, den Austausch auf bestimmte Zeiten und Kanäle zu begrenzen.

Berufstätige können darüber hinaus auch selbst viel dazu beitragen, flexibles Arbeiten positiv zu nutzen und sich vor den negativen Folgen zu schützen. Dazu gehören etwa feste Arbeits- und Pausenzeiten, die eine klare Trennung zwischen Job, Familie und Freizeit ermöglichen, sowie das bewusste Abschalten digitaler Geräte nach Feierabend. Für die eigene Gesundheit seien zudem regelmäßige Bewegung, Entspannungstechniken und soziale Aktivitäten wichtig. Diese trügen zu einem gesunden Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben und somit auch zum Stressabbau bei.

Diese Arbeitsbelastungen sind nur ein Aspekt. Bisher hat es die Politik unterlassen, die Bürger in ihrem Bestreben nach dem Erhalt der demokratischen Verhältnisse zu unterstützen. Gesundheitsreform, Steuerreform, Arbeitsplatzsicherheit, Wohnungschaos, Mietreform, Rentenreform und der ganze andere politische Blödsinn treiben die Bürger in die radikalen Ecken. Wann wacht die Politik endlich auf und überführt den Sozialhilfestaat wieder in den Sozialstaat.