Man, siehst Du alt aus! So manche dieser Feststellung trifft meist die Tagesform. Doch schon am nächsten Tag könnte alles viel besser sein. Aber so manche Situation wie Pandemien, Kriege, Wirtschaftskrisen, Klimawandel, soziale Ungleichheit, Künstliche Intelligenz hinterlassen Menschen schneller altern als sie sich vorstellen können, beobachtete luckx – das magazin.
Dramatische Veränderungen
Ob Tod naher Angehöriger oder Freunde; ob Arbeitsplatzverlust oder Trennung vom Partner: viele Ereignisse nehmen uns nicht zur psychisch mit, sondern hinterlassen körperliche Veränderungen. Ob Falten im Gesicht, Gewichtszu- oder abnahme und vieles mehr können Ausdruck eines Alterungsprozesses sein. Aber nie zuvor veränderte sich die Welt so schnell und in so viele verschiedene Richtungen gleichzeitig wie heute. Während jede Krise für sich genommen bereits Herausforderungen schafft, ist es vor allem ihr Zusammenwirken, das nicht nur Individuen sondern unsere Gesellschaft insgesamt verändert. Doch was bedeutet diese permanente Unsicherheit für das Älterwerden? Und welche Spuren hinterlassen solche gesellschaftlichen Umbrüche in unserer körperlichen und psychischen Gesundheit? Wie beeinflussen sie unseren Blick auf die Welt – auch Jahrzehnte nach ihrem ersten Auftreten?
Altern neu zu denken
Die Gerontologie richtet den Blick traditionell auf das hohe Lebensalter. Damit beschäftigt sich der renommierte US-amerikanische Gerontologe und Soziologe Prof. Dr. Richard A. Settersten von der Oregon State University. Er lädt er dazu ein, Altern neu zu denken: nicht nur als biologischen Prozess, der sich ausschließlich im Individuum vollzieht, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. „Altern geschieht nie losgelöst von der Welt, in der Menschen leben“, sagt er. „Geschichte prägt sich in Biografien ein. Und Biografien schreiben Geschichte fort.“ Das Alter erzählt die Geschichte einer Gesellschaft. Settersten erweitert diese Perspektive. Wer verstehen will, wie gesund, belastbar oder verletzlich ältere Menschen sind, muss weit früher ansetzen, ist der Amerikaner überzeugt. „Wir können das Alter nicht verstehen, wenn wir nur alte Menschen betrachten. Wir müssen auch die Lebenswelten der Jüngeren verstehen, denn dort entsteht das Alter von morgen“, erklärt er. Neu sei die aktuelle Verdichtung von wirtschaftlicher Unsicherheit, politischen Spannungen, technologischen Umbrüchen und ökologischen Herausforderungen. „Die eigentliche Frage ist nicht nur, wie Menschen diese Polykrise erleben. Die Frage ist, ob diese Generation überhaupt noch genügend Zeit und Ressourcen hat, sich von einer Krise zu erholen, bevor die nächste Krise beginnt“, so Settersten.
Krisen wirken nach
Aktuell wird vielen Eltern deutlich, wie sich die Corona-Pandemie auf die schulischen Ergebnisse ihrer Kinder auswirken. Sicherlich war es für viel Eltern ein schönes Erlebnisse, längere Zeit gemeinsam mit ihren Kindern zuhause die Zeit der Pandemie auszusitzen. Doch der aktuelle Abitursgeneration fehlt immer noch Wissen, was während der Corona-Krise nicht vermittelt werden konnte. Auch soziale Kompetenz scheint verloren gegangen zu sein. Darüber hinaus zeigen historische Erfahrungen über Jahrzehnte hinweg, welche Folgen auftreten können. Aus langfristigen Bevölkerungsstudien untersuchte Settersten zum Beispiel die Lebensverläufe von Menschen im 20. Jahrhundert. Die Ergebnisse machen deutlich: Gesellschaftliche Umbrüche verschwinden nicht mit ihrem Ende. Sie hinterlassen körperlich, psychisch und sozial Spuren. So horteten beispielsweise viele Menschen, die während der Weltwirtschaftskrise aufwuchsen, selbst Jahrzehnte später Lebensmittel oder vermieden jede Verschwendung, obwohl objektiv längst kein Mangel mehr bestand. Es kommt also nicht auf das Ereignis selbst an, sondern auch auf den Zeitpunkt im persönlichen Lebenslauf. „Eine Pandemie trifft einen jungen Erwachsenen anders als einen hochbetagten Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Pflegeverantwortung. Ebenso wichtig sind die Reihenfolge mehrerer Krisen und die Ressourcen, mit denen Menschen ihnen begegnen“, schildert Settersten. Stabile Familien, soziale Netzwerke, finanzielle Sicherheit oder gute Bildung könnten Belastungen abfedern.
Perspektiven auf das Alter stärken
Statt Schwierigkeiten vorschnell individuellen Defiziten zuzuschreiben, rückt Settersten stärker in den Blick, welche gesellschaftlichen Veränderungen Menschen über Jahrzehnte hinweg erlebt haben und welche Spuren diese Erfahrungen hinterlassen. Gesundheit ist deshalb immer auch Ausdruck einer individuellen Lebensgeschichte in ihrer jeweiligen historischen Zeit. Settersten wirbt dafür, biologische, medizinische und sozialwissenschaftliche Perspektiven enger miteinander zu verbinden. Nicht fertige Antworten stehen im Mittelpunkt, sondern neue Fragen. Denn wer Altern verstehen will, muss nicht nur den Menschen betrachten, sondern auch die Welt, in der er alt wird.