Pflegenotstand

Unser Gesundheitssystem soll nun abermals einer Prüfung unterzogen werden. Schon 1995 wurde eine Pflegeversicherung eingeführt, die die Sozialhilfe, einer staatlichen Leistung, entlasten sollte. Damit sollten alle Pflichtversicherten die Pflege selbst bezahlen. Ob sie diese benötigen oder auch nicht. Nun sollen den Versicherten Leistungseinbußen drohen, wie luckx – das magazin recherchierte.

Pflegeversicherung

Anscheinend sind Reformen nicht im Interesse der Bürger geplant. Die unser Gesundheitssystem zu 95 Prozent tragen, sollen nun Leistungskürzungen im großen Umfang hinnehmen. Die restlichen 5 Prozent privat Versicherte werden zwar bei ärztlichen Terminvergaben oder Leistungsbezug bevorzugt. Trotzdem ist es ein Irrglaube, dass Privatversicherte das Gesundheitssystem in irgendeiner Weise retten könnten. Denn deren Abrechnungsgrundlage wurde seit vielen Jahren im Gegensatz zur gesetzlichen Versicherung nicht angepasst. Die ärztlichen Einnahmen durch Privatversicherte sind für Ärzte nicht vorteilhaft. Aber grundsätzlich ist mit unserem Sozialstaat die Bevorzugung der Privatversicherten nicht vereinbar. So ist es verständlich, dass die nun in Aussicht gestellten Änderungen für Unmut in der Bevölkerung sorgen. Damit einhergehend wird die Kompetenz der politischen Entscheidungsträger angezweifelt, was zu den Wahlergebnissen in den vergangenen Wochen führte und sich weiterhin fortsetzen wird.

Aber nicht nur die politische Inkompetenz führt zur Belastung des deutschen Gesundheitssystem. Auch ein verschärfter Fachkräftemangel, steigende Fallzahlen in der Intensivpflege und gesundheitspolitische Reformen wie das IPReG (Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkungsgesetz) stellen Pflegedienste vor existenzielle Herausforderungen. Die Kosten explodieren aufgrund immer weiter steigenden staatlichen Vorgaben, die das System überteuern. Der Spagat zwischen hochkomplexer Apparatemedizin und familiärer Menschlichkeit gelingt selten.

Wie Pflege gelingen kann

Alternative Lösungen sind gefordert, die Pflege vereinfachen und Hilfe zu Selbsthilfe geben. So können beispielsweise Wohngemeinschaft eine Ansatz sein, wie in Würzburg, Rimpar und Schweinfurt. Statt sterilen Krankenzimmer oder durchgetaktete Flure versorgen sich die Bewohner teilweise selbst in einer großen Wohnküche. Sie stehen dabei im gemeinsamen Austausch und spüren eine lebendige Gemeinschaft. Dass hier Menschen leben, die rund um die Uhr künstlich beatmet oder über eine Trachealkanüle versorgt werden müssen, rückt im Alltag ganz bewusst ein Stück in den Hintergrund. So kann auch eine Intensivpflege-WG verbindend wirken. Dabei muss die medizinische Sicherheit an oberster Stelle stehen. Das bedeutet eine enge Verbindung zwische nPflegedienst und Ärztenetzwerk. Aber genauso wichtig ist das Leben drumherum. Bewohner dürfen sich nicht wie Nummern im System fühlen. Sie benötigen ihr eigenes Umfeld und gehören an den gemeinsamen WG-Küchentisch.

Belastungsprobe

Die Bedeutung eine solchen Modells könnte zunehmen. Eine 24-stündige Intensivpflege im eigenen Zuhause zu organisieren, scheitert in Zeiten des Fachkräftemangels immer häufiger und reißt Familien in tiefe Krisen. Gleichzeitig fordern neue gesetzliche Richtlinien strengere Qualitätsnachweise, die die 1:1-Intensivpflege zu Hause kaum noch leisten können. Spezialisierte WGs können diese Lücke zwischen der oft überfordernden häuslichen Pflege und einer vollstationären Unterbringung schließen.

Pflegende Angehörige kommen schnell an ihre Grenzen. Meist haben sie monatelang wie Pflegemanager funktioniert und die Last der Verantwortung allein getragen. Wenn sie sehen, dass ihre Angehörigen medizinisch und menschlich sicher versorgt werden, können pflegende Angehörige wieder am Leben teilnehmen als auch Pflegebedürftige gut versorgt werden. Das Modell der Wohngemeinschaft erlaubt es Angehörigen, endlich wieder einfach nur Ehepartner, Tochter oder Sohn zu sein.

Menschlichkeit und Systemdruck

Die Branche leidet unter Fachkräftemangel, Bürokratie und Kostendruck. So sind Zukunftskonzepte zu entwickeln, die für Betroffene, Angehörige, Pflegedienst und Ärzte ein funktionierendes Angebot darstellen. So kann der Ausbau und die Stärkung von Wohngemeinschaften eine Lösung sein. Wichtig ist für alle, dass Intensivpflege niemals nur das Verwalten eines Krankheitszustandes sein darf. Pflege kann nur dann nachhaltig funktionieren, wenn die Chemie stimmt und der Mensch als Ganzes gesehen wird.