Altern ist schön?

Falten im Gesicht, das Gehen fällt schwer und ständig krank – und da soll Altwerden schön sein? Das können die von luckx – das magazin nicht ernsthaft meinen; oder? Wenn Jahre gewonnen werden können schafft das einen neuen Blick auf ein langes Leben.

Langes Leben

Die Lebensjahre spiegeln nicht unbedingt das persönliche Alter oder den Gesundheitszustand wieder. Alter und Altern ohne Defizite, Krankheiten mit Chancen für ein längeres Leben, so kann auch die Zukunft im Alter aussehen. So haben die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) zum Auftakt ihres gemeinsamen Jahreskongresses in Frankfurt bewusst einen positiven Blick auf das Alter gesetzt. Der Philosoph Prof. Otfried Höffe lieferte dafür im Festvortrag der Eröffnungsveranstaltung einen bemerkenswerten Perspektivwechsel: Nicht die „Überalterung“ sei das eigentliche Problem, sondern die „Unterjüngung“. Die zusätzlichen Lebensjahre seien nicht in erster Linie verlorene Jahre durch Krankheit und Pflegebedürftigkeit – sondern vielfach gewonnene Jahre. Damit gab die Eröffnungsveranstaltung zugleich eine Richtung für die kommenden Kongresstage vor. Denn Menschen leben heute nicht nur länger, auch die Lebensspanne ohne altersbedingte Erkrankungen hat sich verlängert. Deshalb, so Höffe, greife eine gesellschaftliche Debatte zu kurz, die den demografischen Wandel vor allem mit steigenden Pflegekosten, Renten und einem schrumpfenden Arbeitskräfteangebot verbindet. Ältere Menschen bringen Erfahrungen und Fähigkeiten ein, engagieren sich ehrenamtlich, lernen weiter und übernehmen gesellschaftliche Verantwortung. Seine Bilanz: „Die gestiegene Lebenserwartung bringt der Gesellschaft weit mehr Chancen als Risiken.“

Neues Altersbild als Botschaft für Gerontologie und Gesellschaft

Genau darin sieht auch Kongresspräsident Prof. Hans-Werner Wahl eine wichtige Botschaft für Gerontologie und Gesellschaft. „Es macht einen erheblichen Unterschied, ob wir ältere Menschen vor allem als verletzlich und hilfebedürftig betrachten oder ob wir zugleich ihre Handlungsmöglichkeiten, Erfahrungen und ihre gesellschaftliche Rolle sehen. Gewonnene Lebensjahre sind vor allem dann ein Gewinn, wenn Menschen die Möglichkeit behalten, selbstbestimmt zu leben, teilzuhaben und sich einzubringen. Diesen Möglichkeitsraum schafft auch unsere Gesellschaft. Und hier ist durchaus noch Luft nach oben.“ Höffes Perspektive richtet sich deshalb nicht nur auf die einzelne Person. Sie lenkt den Blick zugleich auf die Voraussetzungen, die eine Gesellschaft schaffen muss, damit aus einer höheren Lebenserwartung tatsächlich mehr gute Lebenszeit werden kann. Dazu gehören Möglichkeiten für Bildung und Weiterbildung ebenso wie gesellschaftliches Engagement und eine digitale Welt, die ältere Menschen nicht ausschließt. Höffe plädierte unter anderem für altersfreundlichere technische Lösungen und dafür, den Kontakt zu öffentlichen Stellen nicht ausschließlich digital zu ermöglichen.

Mehr Lebensjahre sind nicht gleich mehr Krankheitsjahren

Für die Geriatrie berührt die Debatte zugleich eine entscheidende medizinische Frage: Wie gelingt es, nicht allein die Lebensspanne, sondern auch die Gesundheitsspanne weiter zu verlängern? „Dass Menschen länger leben, darf nicht automatisch mit der Vorstellung verbunden werden, dass sie auch länger krank und auf Unterstützung angewiesen sind. Genau hier liegen große Aufgaben für die Geriatrie: Ohne die Diagnose und Behandlung von Krankheiten zu vernachlässigen, den Fokus auf Fähigkeiten und Ressourcen älterer Menschen zu lenken und deshalb ihre Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.“ Die Herausforderungen des demografischen Wandels blendete Höffe in seinem Festvortrag nicht aus. Eine längere Rentenbezugsdauer bei gleichzeitig weniger nachwachsenden jüngeren Menschen stellt die sozialen Sicherungssysteme vor erhebliche Aufgaben. Auch darüber müsse offen gesprochen werden. Sein Gegenentwurf zur verbreiteten Defiziterzählung bleibt dennoch bestehen: Eine Gesellschaft des langen Lebens sollte zusätzliche Lebensjahre nicht zuerst als Belastung betrachten.

Dass DGG und DGGG ihren gemeinsamen Jahreskongress mit genau diesem Gedanken eröffnen, ist deshalb mehr als eine programmatische Entscheidung. Es setzt einen Akzent für die kommenden Tage: Alter und Altern nicht kleinzureden oder zu idealisieren – aber den Blick ebenso konsequent auf Ressourcen, Möglichkeiten und gewonnene Lebenszeit zu richten.