Die Zivilisationskrankheiten nehmen beständig zu. Wie die Zunahme verringert werden kann, ist dabei nicht die Frage. Die Frage ist, warum nicht bekannte Maßnahmen wie Bewegung, Aufklärung und Vorsorge sinnvoll kombiniert werden können, meint luckx – das magazin und setzt den Bericht aus dem ersten Teil fort.
Krankenhausaufnahmen
In Summe sind die vollstationären Krankenhausaufnahmen wegen Herzkrankheiten auch im Jahr 2024 marginal angestiegen. In absoluten Zahlen von 1.635.598 Krankenhausaufnahmen im Jahr 2023 auf 1.653.702 im Jahr 2024. „Mit insgesamt über 1,6 Millionen Krankenhausfällen oder rund 1.700 Krankenhausaufnahmen wegen Herzkrankheiten pro 100.000 Einwohner bewegt sich die Hospitalisationsrate weiterhin auf einem hohen Niveau“, erklärt der Herzstiftungs-Vorsitzende. Allein die KHK, Herzrhythmusstörungen und Herzinsuffizienz machen rund 1,5 Millionen Klinikeinweisungen pro Jahr aus. Ins Auge fällt bei den Altersgruppen, dass bei Herzinsuffizienzpatienten sowohl bei Männern und Frauen ab einem Alter von 60 Jahren die vollstationären Aufnahmen kontinuierlich zunehmen und ab 65 Jahren steil ansteigen. „Bei Herzschwächepatienten steigt mit zunehmendem Alter die Wahrscheinlichkeit einer Klinikaufnahme wegen akuter Dekompensation. Dem muss in der Versorgung durch Hausarzt und niedergelassenem Kardiologen hinsichtlich der medikamentösen Therapie der Herzinsuffizienz selbst wie auch der Grund- und Begleiterkrankungen wie KHK, Bluthochdruck, Vorhofflimmern oder Klappenerkrankungen Rechnung getragen werden. Bei Symptomen einer akuten Verschlechterung der Herzschwäche wie Wassereinlagerungen (Ödeme), Luftnot oder Leistungsschwäche muss rasch agiert werden“, unterstreicht Prof. Voigtländer. Ab 65 Jahren sind Aufnahmen zur stationären Therapie der Herzinsuffizienz 13-mal so häufig (2.246 pro 100.000 Einwohner) als bei Patienten zwischen dem 45. und dem 65. Lebensjahr (180/100.000 EW). „Ein medikamentös gut eingestellter Patient mit Herzinsuffizienz kann bei regelmäßiger Kontrolle der Medikamententherapie durch seinen Hausarzt und engmaschiger Betreuung bei Beschwerden durch den Kardiologen Krankenhausaufenthalte vermeiden.“ In der anstehenden Grippesaison ist gerade für vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Herz-Kreislauf-Patienten die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlene Grippeimpfung (Influenza) besonders wichtig.
Ambulante Versorgung
Im Zuge der Einführung von sogenannten Hybrid-DRGs am 1. Januar 2026 wurde die ambulante Versorgung gestärkt: Veränderte Vergütungsmechanismen ermöglichen es, bestimmte kardiologische Prozeduren, die dem stationären Bereich vorbehalten sind, zukünftig auch ambulant anzubieten. „Perspektivisch werden wichtige Bereiche der interventionellen Herzmedizin eine nahezu vollständige Ambulantisierung erfahren; dies betrifft die Stentversorgung bei Patienten mit einer koronaren Herzerkrankung, die Schrittmachertherapien, die ICD-Implantation sowie – und dies ist ein Novum – die Katheterablationen bei Herzrhythmusstörungen, besonders bei Vorhofflimmern“, erklärt Prof. Voigtländer. Inwiefern die Hybrid-DRGs zu einer Entlastung des Kliniksektors führen werden, müsse sich erst noch zeigen. „Die Ambulantisierung muss aber so gestaltet werden, dass im Sinne der Herzpatienten größtmögliche Sicherheit und Qualität der Eingriffe gewährleistet ist. Bereits jetzt werden viele Eingriffe ambulant in größeren Praxen beziehungsweise in Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) durchgeführt. Es braucht aber für viele Leistungen sicherlich auch weiterhin das Back-up eines Krankenhauses und einer Intensivstation, gerade bei Auftreten von Komplikationen ist dies unumgänglich“, so der Frankfurter Kardiologe.
Zeitkritische kardiologische Versorgung
Angesichts von Klinikinsolvenzen – auch perspektivisch im Zuge der Krankenhausreform – wächst die Sorge unter Ärzten und Patienten vor Engpässen in der kardiologischen Akutversorgung. Hinzu kommt die ohnehin in Deutschland unterschiedliche Versorgungsdichte mit Kardiologen oder Kliniken, die ein Katheterlabor oder eine zertifizierte Chest-Pain-Unit (CPU, Herznotfallambulanz) vorhalten. „Die Herzinfarktsterblichkeit bewegt sich trotz einer kontinuierlichen Senkung der Gesamtmortalität – nicht nur auf dem Land, sondern auch in Ballungsräumen – weiterhin auf einem hohen Niveau – sie ist die vierthäufigste Todesursache überhaupt“, so Prof. Voigtländer. So steht die Metropole Berlin mit 60,4 Herzinfarkttoten pro 100.000 Einwohnern (EW) an zweiter Stelle hinter Mecklenburg-Vorpommern mit 63 Herzinfarkt-Sterbefällen pro 100.000 EW unter den Bundesländern mit der höchsten Herzinfarktsterblichkeit. „Um die Versorgung kardiologischer Notfälle im Rahmen der Krankenhausreform auch in ländlichen Gebieten mit einer geringeren Krankenhausdichte sicherzustellen, kann die Verbreitung von CPUs ein Hebel sein, Engpässe abzufedern“, erklärt der Kardiologe. „Die häufig zeitkritische kardiologische Versorgung muss in Zeiten von Reformen und Sparzwängen garantiert sein.“ CPUs sind rund um die Uhr mit qualifiziertem Personal besetzt. Für die Akutversorgung von Patienten mit akuten Brustschmerzen stehen in Deutschland über 400 CPUs (Stand September 2026) in Krankenhäusern an 365 Tagen rund um die Uhr zur Verfügung. CPUs müssen über ein Katheterlabor verfügen. Bei akuten Brustschmerzen müssen mit höchster Priorität vor allem Erkrankungen wie Herzinfarkt, Lungenembolie und Aortendissektion (Einriss der Hauptschlagader) ausgeschlossen oder nachgewiesen werden. CPUs stehen aber auch für die Versorgung von Komplikationen bei Herzrhythmusstörungen und Herzklappenerkrankungen oder bei einer Bluthochdruckkrise zur Verfügung. Erfahrung und Kompetenz bei der Behandlung akuter Notfälle ist wichtig, wodurch sich die CPUs aufgrund einheitlicher Zertifizierungsstandards besonders auszeichnen.
Herzinfarktsterblichkeit
Wie die Zahlen des Deutschen Herzberichts verdeutlichen, ist die Herzinfarkt-Sterblichkeit regional unterschiedlich ausgeprägt. Die höchste Herzinfarkt-Mortalitätsrate eines Bundeslandes kann mehr als doppelt so hoch sein wie die niedrigste eines anderen Landes. Im Osten Deutschlands überwiegen die Bundesländer mit der höchsten Sterblichkeit durch Herzinfarkt, allerdings ist mit Bremen auch ein westdeutsches Bundesland von einer höheren Sterberate betroffen. Die höchsten Herzinfarkt-Sterberaten finden sich 2024 in Mecklenburg-Vorpommern mit 63,4 Gestorbenen pro 100.000 EW, in Berlin mit 60,4, in Sachsen-Anhalt mit 55,8 und in Bremen mit 55,1 Gestorbenen pro 100.000 EW. Als Ursachen für die regionalen Unterschiede können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Neben der Bevölkerungsstruktur und sozioökonomischen Faktoren können auch ein hoher Raucheranteil, Erwerbsstatus, Arbeitslosenquote und die Häufigkeit von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Adipositas eine wichtige Rolle spielen. „Warum eine Metropole wie Berlin die zweithöchste Herzinfarkt-Sterberate aufweist – im Unterscheid zu Hamburg mit der niedrigsten Herzinfarkt-Sterberate –, bedürfte einer wissenschaftlichen Analyse. Die Hauptstadt verfügt mit einer Quote von 18.519 Einwohnern (EW) pro Kardiologe nach Hamburg (12.934 EW/Kardiologe) und Bayern (15.791 EW/Kardiologe) über die dritthöchste Kardiologendichte in Deutschland, danach folgen Baden-Württemberg: 21.219 EW/Kardiologe, Bremen: 21.360 EW/Kardiologe) und Hessen (21.733 EW/Kardiologe). Auch Berlins Dichte an Linksherzkatheter (LHK)-Messplätzen liegt mit 49.801 EW je LHK-Messplatz noch weit über dem bundesweiten Mittel (64.489 EW/LHK-Messplatz). Die niedrigsten Herzinfarkt-Sterbeziffern für 2024 weisen Hamburg mit 26,2 Gestorbenen pro 100.000 EW, Nordrhein-Westfalen mit 28,8, Bayern mit 41,5 und Niedersachsen mit 42,2 Gestorbenen pro 100.000 EW auf.
Herz-Kreislauf-Prävention stärken
Wie zunehmend wichtig eine Präventionsstrategie in Deutschland ist zeigt sich nicht nur bei der durchschnittlichen Lebenserwartung der Deutschen, die im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern hinten liegt. Auch der Public Health Index von AOK-Bundesverband und DKFZ zeigen: „In drei von vier Bereichen – Tabak, Alkohol und Ernährung – landet die Bundesrepublik auf den hinteren Rängen. Nur im Feld Bewegung reicht es für das untere Mittelfeld.“ Die Deutsche Herzstiftung unterstützt seit vielen Jahren in punkto Prävention durch mehr Bewegung alle Bundesländer mit ihrem Bewegungsprogramm „Skipping Hearts – Seilspringen macht Schule“ und führt mit „Rauchzeichen“ im Rhein-Main-Gebiet und mit „nachvorn“ gemeinsam mit der Berliner Charité an Berliner Grundschulen Rauch-Präventionsprogramme durch. „Bund und Länder müssen allerdings für eine Verbesserung der Herzgesundheit in der Bevölkerung neben einer institutionalisierten Vermittlung von Gesundheitskompetenz in Kita und Schule viel intensiver frühzeitige Präventionsprogramme bereits ab dem Kindes- und Jugendalter nutzen. Prävention bleibt der wichtigste Hebel zur Prognoseverbesserung, er wird aber noch zu wenig genutzt“, betont Prof. Voigtländer.
Ein Gedanke zu „Prävention zwingend“
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