Sozialschmarotzer?

Bundesdeutsche Arbeitnehmer sind zu oft krank. Außerdem wollen alle nur Teilzeit arbeiten. So kurzgefasst ist das Verständnis über Arbeitnehmern in den politischen Meinungsträgern. Genau in diese Kerbe schlägt eine aktuelle Studie, wie luckx – das magazin recherchierte.

Arbeitsunfähig

Neben Bettkantenkonzepten und Bettkantengeschichten gibt es wohl auch noch Bettkantenentscheidungen. Diese sollen weit verbreitet sein. Das scheint ein Ergebnis einer Studie mit dem verheißungsvollen Namen „Arbeiten 2025“. Danach sollen also morgens diese Bettkantenentscheidungen in einem Spannungsfeld zwischen gesunder Selbstfürsorge und einer nicht zwingend notwendigen Arbeitsauszeit entstehen. Die Autoren der Studie sehen es als problematisch an, wenn Krankmeldungen zur Regel werden. Besonders junge Beschäftigte geraten dabei häufig in den Verdacht, vorschnell zu Hause zu bleiben. Diese Studie ist das Ergebnis unter 1.230 Beschäftigten ab 18 Jahren, die im Oktober 2025 bundesweit befragt wurden. Danach sollen 60 Prozent der Arbeitnehmer schon einmal am Morgen die sogenannte Bettkantenentscheidung getroffen haben Sie haben sich krankgemeldet, obwohl sie arbeitsfähig waren. Sieben Prozent tun dies häufig, 22 Prozent manchmal und 31 Prozent selten. Die Gründe für sind vielfältig: 31 Prozent wollen damit verhindern, dass kleinere gesundheitliche Beschwerden zu ernsthaften Problemen werden. Ebenso viele bleiben zu Hause, weil ihnen das Arbeitspensum gerade zu viel erscheint.

Krankmeldung

Diese Ergebnisse bedürfen aber der richtigen Einordnung.Denn wenn die Krankmeldung dazu dient, bei psychischer Überlastung oder körperlichen Beschwerden rechtzeitig zu handeln und wieder gesund zu werden, dann ist sie ein Ausdruck wachsenden Gesundheitsbewusstseins und eine legitime sowie wertvolle Strategie der Selbstfürsorge. Das ist die eine Seite. Doch oft spielen persönliche Gründe eine Rolle: Nahezu jeder Dritte gibt mangelnde Motivation an, rund jeder Vierte möchte Stress oder Konflikten im Team aus dem Weg gehen. Und für jeden Fünften haben private Termine an diesem Tag Vorrang. Diese Ergebnisse zeigen aber, dass die Problematik der „Krankmeldung“ wohl nicht nur beim Arbeitnehmer zu suchen ist. Denn wer sich bei jedem kleinen Problem, alltäglichem Stress oder nach jeder intensiven Arbeitsphase krankmeldet, bei dem handelt es sich um eine Ausweichstrategie. Das kann auf eine geringe Frustrationstoleranz, fehlende Resilienz oder eine starke Empfindlichkeit gegenüber Druck hinweisen. Dann ist es wichtig, den Ursachen auf den Grund zu gehen und sich Hilfe bei Bedarf zu holen.

Jüngere melden sich häufiger krank

Vor allem junge Beschäftigte zwischen 18 und 29 Jahren, die zur Generation Z zählen, ziehen die Reißleine: 45 Prozent in dieser Altersgruppe treffen die Bettkantenentscheidung, davon elf Prozent sogar häufig. Mit zunehmendem Alter nimmt dieser Anteil deutlich ab, in der Generation 60plus liegt er nur noch bei 16 Prozent. Besonders die junge Generation legt viel Wert auf Sinn, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten. Fehlen diese Faktoren, kann das zu einem Motivationsdefizit kommen. Doch solche Situationen lassen sich vermeiden. Wem die Freude und der Spaß am Arbeiten fehlt, flüchtet gern in solche Ausweichstrategien. Unternehmen, Arbeitgeber, Vorgesetzte sind hier in der Pflicht. Insbesondere ihre Aufgabe ist es, solche Situationen nicht aufkommen zu lassen. Aufgrund des Arbeits- und Fachkräftemangels hat die Arbeitsverdichtung rasant zugenommen. Sowohl Vorgesetzte als auch Mitarbeiter sind nicht ausreichend dazu in der Lage, solche Situationen zu bewältigen. Das betrifft besonders auf jüngere Mitarbeiter mit wenig Berufserfahrung zu. Ihre Bewältigungsstrategien sind (noch) nicht ausgebildet und sie flüchten sich in eine Scheinsituation.

Gesundheitliche und sonstige Beschwerden

Viele gehen trotz Beschwerden zur Arbeit; trotz hoher Arbeitsbelastungen. Zwar bewerten knapp zwei Drittel der Befragten ihren Gesundheitszustand als mindestens gut. Dennoch hat sich die Zufriedenheit im Vergleich zu 2023 um sechs Prozentpunkte verschlechtert. Überstunden, Termindruck, körperliche Arbeit und ständige Erreichbarkeit belasten viele Beschäftigte. Die Folgen zeigen sich deutlich: 45 Prozent der Befragten gehen trotz Rückenschmerzen zur Arbeit, und jeweils 35 Prozent tun dies auch bei leichter Erkältung oder psychischer Belastung. Die hohe Bereitschaft, trotz Beschwerden weiterzuarbeiten, birgt jedoch ein Risiko. Viele merken dabei nicht, dass ihr Engagement in Selbstaufopferung übergeht. Damit wird die körperliche oder psychische Gesundheit ernsthaft gefährdet. Dabei spielen Führungskräfte eine zentrale Rolle. Sie schaffen den Rahmen, in dem Beschäftigte offen über Belastungen sprechen können und der zeigt, dass Selbstfürsorge erwünscht ist. Die Studie zeigt eine Diskrepanz im Verhalten von Jung und Alt: Während ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen ihr Verhalten als gesundheitsbewusst einordnet, wenn sie Bettkantenentscheidungen treffen, sehen viele Kollegen die Fehltage kritisch: Mehr als die Hälfte der Befragten vermutet zumindest gelegentlich, dass jüngere Teammitglieder zu Hause bleiben, obwohl sie arbeitsfähig wären. So wäre eine offene Kommunikationskultur von wesentlicher Bedeutung. Beschäftigte müssen Beschwerden ansprechen können, ohne Angst vor Stigmatisierung oder Konsequenzen. Darüber hinaus helfen regelmäßige Pausen, flexible Arbeitszeiten und Unterstützungsangebote, um Resilienz und Gesundheitskompetenz zu stärken. Führungskräfte sollten zudem als Vorbilder auftreten. Wer selbst auf eine gesunde Balance achtet, signalisiert dem Team, dass Selbstfürsorge erwünscht ist.

Für die repräsentative Studie „Arbeiten 2025″ der Pronova BKK wurden 1230 Arbeitnehmer*innen ab 18 Jahren im Oktober 2025 online befragt. Die Befragung gibt einen Einblick, wie die Männer und Frauen Stress und Arbeitsklima wahrnehmen, wie sie mit Erkrankungen und Ausfallzeiten umgehen und über den Einsatz von KI im Berufsleben.