Wir erleben es jeden Tag beim Einkaufen: kleine, bunte Piktogramme sollen uns von der hohen Qualität des Produktes überzeugen. Doch wir können in keiner Weise den Wahrheitsgehalt dieser Zertifikate einschätzen. Welchen Wert solche Zertifikate darstellen, versucht luckx – das magazin einzuschätzen.
Nachhaltigkeit
Welchen Wert Nachhaltigkeit aktuell hat, lässt sich nicht abschließend bewerten. Denn immer stärker findet in der Politik das Thema militärische Stärke eine größere Bedeutung. Das der Wehrhaftigkeit aufgrund der Multikrisensituation eine stärke Bedeutung bekommt, ist unbestritten. Doch sollten wir nicht dem Irrglauben nachgehen, dass nach der Zerschlagung Russlands (darauf läuft es hinaus, auch wenn der russische Präsident es noch nicht erkennen möchte) die wichtigen Herausforderungen auch gleich mit gelöst werden. Denn der Klimawandel findet weiterhin täglich statt und er setzt die Industrie unter Druck. Besonders die Lebensmittelproduktion steht unter extrem hohen Herausforderung, um die Ernährungs- und Versorgungssicherheit der Weltbevölkerung zu gewährleisten als auch zu garantieren. Auch wenn so mancher Unwissende in den USA andere Entscheidungen trifft und dem Umweltschutz keine Bedeutung mehr beimisst, werden wir uns weiterhin in Europa damit auseinandersetzen müssen. Denn ohne den Green Deal wird Europa aufgrund der Bevölkerungsdichte sich die Zukunft verbauen. Sicherlich sind einige Korrekturen erforderlich, was beispielsweise die Elektromobilität betrifft. Diese Zwischenlösung der Mobilität wird aufgrund der hohen Kosten und des überschätzen Umweltbeitrages in den nächsten 10 Jahren durch andere Techniken abgelöst werden. Auch wenn aktuell hier Unsicherheit herrscht, bedeutet das für Landwirte bedeute aber nicht, dass Nachhaltigkeit vom Tisch sei.
Richard Schouten, Direktor des Fresh Produce Centre The Netherlands, das rund 250 Unternehmen der niederländischen Obst- und Gemüsebranche vertritt und zusammen etwa 80 Prozent des Branchenumsatzes erwirtschaften, mein: „Unsere Produkte sind einzigartig in ihrer Kombination aus gesunder Ernährung und geringem CO₂-Fußabdruck. Aber auch sie hinterlassen einen CO₂-Fußabdruck – und deshalb müssen wir weiter an unserer Nachhaltigkeit arbeiten.“ Insbesondere, da Einzelhändler, Banken und Investoren zunehmend Nachweise für die nachhaltige Produktion von frischem Obst und Gemüse fordern. Dies wiederum hat zu einem unübersichtlichen Durcheinander an Zertifikaten geführt, dessen Anzahl weiterhin rasant wächst. Mittlerweile gibt es über 300 Nachhaltigkeitsstandards – „und der arme Erzeuger geht dabei völlig unter“.
Nachhaltigkeit und Lebensmittelsicherheit
Doch nicht nur Verbraucher sind verunsichert. Auch für die Erzeuger ist diese Situation unbefriedigend. Welches Zertifikat in welchem Land eine höhere Bedeutung hat, bereitet Unbehagen. Insgesamt sind die Zertifikate ineffizient und erhöhen die Preise. Denn nicht nur die Erzeuger müssen dafür bezalhen, sondern auch den Händler wird in die Tasche gegriffen. So steht die Forderung im Raum, nicht mehr Zertifikate macht die Produkte sicherer und nachhaltiger, sondern weniger. Das Fresh Produce Centre hat sich daher zum Ziel gesetzt, eine zentrale Anlaufstelle als Nachweis für Lebensmittelsicherheit, Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung der Erzeuger zu etablieren. Zu diesem Zweck sollten sich Erzeuger und Einzelhändler zusammensetzen und gemeinsame Ziele festlegen. Als objektives Messinstrument hat das Fresh Produce Centre seine eigenen PEFCR (Product Environmental Footprint Category Rules) entwickelt, die den gesamten Lebenszyklus von Produkten – von der Produktion bis zum Einzelhandel – abbilden. Auch wieder ein Zertifikat mehr. Ob es den Produzenten kostenfrei angeboten wird oder auch wieder nur eine „Gelddruckmaschine“ ist, bleibt offen.
Wassernutzung
„Die Wassernutzung ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“, erklärte López Hernández, Vertriebsleiterin bei CAAE. In Spanien beispielsweise entfallen rund 80 Prozent des Trinkwasserverbrauchs auf die Landwirtschaft. Berichte über Wasserverschwendung und Wasserverschmutzung haben die Verbraucher zunehmend verärgert und in manchen Fällen sogar zur Resignation geführt. Das CAAE-Zertifikat soll das Vertrauen der Verbraucher zurückgewinnen und Produzenten dabei unterstützen, Trinkwasser nachhaltig zu nutzen. Zu diesem Zweck konzentriert sich CAAE auf drei Punkte: Legalität, Nachhaltigkeit und Effizienz. Ihrer Ansicht nach ist die legale Landnutzung der wichtigste Aspekt. Deshalb überprüft CAAE unter anderem das Wassereinzugsgebiet von landwirtschaftlichen Betrieben, den Wasserverbrauch mithilfe von Durchflussmessern und den Zustand von Bewässerungsteichen für Zertifizierungszwecke. Um eine nachhaltigere Wassernutzung zu fördern, führt CAAE nicht nur Wasserrisikoanalysen durch und überwacht Pufferzonen entlang von Wasserläufen, sondern unterstützt landwirtschaftliche Betriebe auch durch Foren zu Wasserfragen und Schulungsprogramme zur sachgemäßen Lagerung von Düngemitteln. Im dritten Bereich, den Effizienzanforderungen, fordert CAAE unter anderem Wasseranalysen, kontinuierlich angepasste Bewässerungspläne, Risikomanagement und geschultes Personal.
Es bleibt fraglich, ob die Verbraucher tatsächlich bereit sind, für diesen Aufwand zu zahlen. López Hernández räumte ein, dass dies in der Tat viel Aufklärungsarbeit erfordern wird. Verbrauchern fällt es oft schwer, die Qualität von Produkten einzuschätzen. Deshalb fordern und erwarten Verbraucher mehr Informationen und nicht weitere bunte Piktogramme. So sind wir Verbraucher in der Pflicht, uns nicht nur mit dem Produkt, sondern auch mit den Zertifikaten auseinanderzusetzen. Erst dann können wir Kaufentscheidungen treffen. Auch wenn wir ab und zu daneben liegen, so sind wir beim nächsten Einkauf vorbereitet.