Leider schon weg

Wer ab und zu Konzerte besucht schaut verwundert auf die verfügbaren Konzertkarten. Meist sind nur ein oder zwei Karten in der bevorzugten Kategorie verfügbar. Nun aber schnell zugreifen, oder? Sicherlich, bei bestimmten Künstlern ist das notwendig. Doch es gibt viele Tricks der Kartenverkäufer hat luckx – das magazin recherchiert.

Ausverkauft? Nicht wirklich

Nun ist Sommerzeit und an vielen Orten finden besonders viele OpenAir Veranstaltungen statt. Da möchte man den Sommer genießen und versucht für sich als auch Freunde Karten zu ergattern. Doch weit gefehlt. Alles schon verkauft oder nicht genug Kapazitäten in der bevorzugten Kategorie. Was viele nicht wissen oder vermuten: Suchportale, Ticketbörsen und Zwischenhändler erschweren vielen Fans den direkten Kauf von Eintrittskarten. Der Ticketzweitmarkt war nie dafür gedacht, Menschen reich zu machen. Im Gegenteil: Ursprünglich sollte er den Fans helfen. Wer krank wird oder kurzfristig verhindert ist, verkauft seine Eintrittskarte einfach weiter. Der nächste freut sich. Also eigentlich eine Win-win-Situation. Doch seit einigen Jahren hat sich dieses Gleichgewicht verschoben. Denn heute konkurrieren Fans immer häufiger nicht mehr mit anderen Fans, sondern mit Menschen, die nie vorhatten, selbst zum Konzert oder ins Stadion zu gehen. Sie kaufen große Mengen an Tickets – häufig sogar automatisiert mithilfe von Bots – um sie später mit teils schwindelerregenden Aufschlägen weiterzuverkaufen. „Je weniger Tickets regulär verfügbar sind, desto größer wird der Druck auf Verbraucher, überteuerte Angebote auf dem Zweitmarkt zu akzeptieren,“ betont Jakob Thevis, Jurist und stellvertretender Vorstand des Zentrums für Europäischen Verbraucherschutz (ZEV). „Genau davon lebt dieses Geschäftsmodell.“

Reale Situation

Nennen wir sie Lisa. Als sie „Toten Hosen Tickets“ bei Google eintippte, glaubte sie, nur noch wenige Klicks vom Konzert entfernt zu sein. Tatsächlich befand sie sich aber auf einem Ticketsuchportal. Für Eintrittskarten, die beim Veranstalter rund 90 Euro kosteten, wurden plötzlich 227 Euro verlangt. Als Lisa den Kauf stornieren wollte, sollte sie dafür rund 350 Euro Gebühr zahlen. Diese Summe erschreckt. Aber nicht mehr als die Tatsache, dass Lisa lange gar nicht wusste, wer ihr dieses Ticket eigentlich verkaufen wollte. Wer nach einer Band googelt, sucht in der Regel keinen Zwischenhändler. Er sucht die Band. Dazwischen liegen heute jedoch bezahlte Anzeigen, Suchportale, Ticketbörsen und Plattformen. Für Verbraucher wirkt vieles davon wie aus einem Guss. Tatsächlich gelten jedoch oft völlig unterschiedliche Regeln. Auch diese Intransparenz macht das Geschäftsmodell so erfolgreich. Je schwieriger zu erkennen ist, wer tatsächlich verkauft, desto leichter bleibt unklar, wer am Ende die Verantwortung trägt. Deshalb ist Transparenz gefordert. Wer Tickets verkauft, muss als Verkäufer erkennbar sein. Und wer Eintrittskarten weiterverkauft, soll offenlegen, was sie ursprünglich gekostet haben, und welche Einschränkungen gelten.

Undurchschaubar

„Der Ticketmarkt ist für Verbraucher immer schwerer zu durchschauen. Solange nicht klar erkennbar ist, wer welche Rolle spielt und auf welcher Grundlage ein Ticket angeboten wird, können Käufer Chancen und Risiken kaum gegeneinander abwägen,“ erklärt Thevis. „Mehr Transparenz wird die Preise nicht automatisch senken. Sie macht es aber deutlich schwerer, mit Intransparenz Geld zu verdienen.“ Mittlerweile werden teilweise schon Eintrittskarten angeboten, obwohl der offizielle Vorverkauf noch gar nicht begonnen hat, sogenannte Leerverkäufe. Eigentlich ein verrückter Gedanke. So werden dann nicht einmal mehr Tickets verkauft. Es wird Hoffnung verkauft, später vielleicht welche zu bekommen. Für viele Käufer ist dieser Unterschied aber kaum erkennbar. Sie bestellen in dem Glauben, die Tickets sicher zu haben.

Und selbst wenn am Ende tatsächlich eine Eintrittskarte geliefert wird, ist die Geschichte oft noch nicht vorbei. Denn viele Veranstalter haben das Problem erkannt und versuchen dem Ganzen mit personalisierten Tickets entgegenzuwirken. In der Theorie klingt das gut, doch in der Praxis trifft das häufig erst einmal die Falschen. Wer über die falsche Plattform gekauft hat, erfährt mitunter erst am Einlass, dass die Eintrittskarte gar nicht auf den eigenen Namen ausgestellt ist. Und dann bleibt die Hallentür zu. Zu allem Übel sind dann auch Hotelkosten, Bahnfahrt sowie Urlaubstag vergeblich investiert. Und während Lisa vor der Tür steht, werden die Tickets schon längst vor der nächsten Halle verkauft.

Was tun?

Am Ende läuft für die Ticketportale alles auf eine einzige Rechnung hinaus: Lohnt sich das Portal? Eindeutig ja. Und solange sich ausverkaufte Konzerte in bare Münze verwandeln lassen, bleibt das Geschäftsmodell attraktiv. Die Leidtragenden sind am Ende oft Menschen wie Lisa. Deshalb fordert das ZEV: Eintrittskarten sollen grundsätzlich nicht teurer weiterverkauft werden dürfen als zum Originalpreis. Wer kurzfristig verhindert ist, soll sein Ticket weitergeben können. Spekulation mit der Vorfreude anderer soll sich dagegen nicht mehr lohnen. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Nicht unbedingt. Ein Blick nach Frankreich zeigt: Der Ticketzweitmarkt lässt sich begrenzen, ohne ihn abzuschaffen. Dort ist der gewerbliche Weiterverkauf von Eintrittskarten ohne Zustimmung der Veranstalter bereits verboten. Private Weitergaben bleiben weiterhin möglich. In Deutschland ist das Geschäftsmodell dagegen noch immer erstaunlich selbstverständlich.

Probleme beim Ticketkauf im europäischen Ausland

Das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz e. V. (ZEV) ist Träger des Europäischen Verbraucherzentrums (EVZ) Deutschland. Das EVZ unterstützt Verbraucher aus Deutschland kostenlos bei grenzüberschreitenden Streitigkeiten mit Unternehmen innerhalb Europas. Gleichzeitig bringt das ZEV die Erfahrungen aus der täglichen Beratung in politische Diskussionen ein und setzt sich gemeinsam mit seinen europäischen Partnern für einen besseren Verbraucherschutz ein.