Zu wenig Personal, meist Frauen, wenig Männer, Ausfall durch Erkrankungen: Das ist der Kita-Alltag. Unter diesen Bedingungen sollen unsere Kinder künftig die Bundesrepublik als attraktiven Sozialstaat entwickeln. Was ist zu tun, damit sich diese Situation ändert, fragt luckx – das magazin?
Großwerden in unsicheren Zeiten
Eltern mit kleinen Kindern kennen das Problem: Die Kita vermeldet eingeschränkten Betrieb und so können nur bestimmte Kinder dort die Zeit verbringen. Doch warum ist das so? Zuerst ist es so, dass Erzieherinnen und Erzieher fehlen. Das gilt nicht nur für die Kita vor Ort, sondern bundesweit. Der Beruf ist auch nicht besonders attraktiv, weil die Bezahlung deutlich geringer ist als in anderen vergleichbaren Erziehungsberufen. Denn Erzieherinnen wird immer eine „Schmalspurausbildung“ nachgesagt, mit der sie dann die gleichen Leistungen erbringen müssen, wie Lehrer in der Grundschule. Kita-Mitarbeiter müssen heute mindestens die gleichen Aufgaben erledigen, wie Schule. Da geht es um Kompetenzentwicklung in der Bewegung, der Sprache und im kognitiven Bereich. Zusätzlich ist die Entwicklung jedes einzelnen Kindes zu dokumentieren. Dabei geht es nicht um Noten, sondern um eine klare Beschreibung. Da Kindergartenkinder deutlich mehr Körperkontakt benötigen, auf dem Arm genommen und die Windel gewechselt werden müssen, sind Erzieherinnen und Erzieher mit Infektionen und Kinderkrankheiten häufiger betroffenen als andere soziale Berufe. Und Eltern bringen dann trotzdem die kleinen Schnupfnasen in die Kita und verursachen damit erhebliche Personalausfälle. Dass diese Eltern sich anschließend über den eingeschränkten Betrieb beschweren, verärgert viele Erzieher. So können sie ihren Auftrag, wie es der Pädagoge Prof. Dr. Wassilios Emmanuel Fthenakis formulierte, Bildung von Anfang an, nicht vollumfänglich leisten.
Was Kita-Kinder heute wirklich brauchen
Dabei wachsen Kinder heute in einer Welt auf, die von Tempo, Veränderungen und steigenden Anforderungen geprägt ist. Gleichzeitig wird seit Jahren intensiv darüber diskutiert, wie stark schon junge Menschen psychisch belastet sind – und was sie brauchen, um mit Unsicherheiten, Reizüberflutung und sozialen Herausforderungen gut umzugehen. In dieser besonderen Zeit brauchen Kinder intensive Unterstützung, um das Leben zu meistern. So muss frühkindliche Bildung nicht nur auf die Schule, sondern vor allem auf das Leben vorbereiten. So sind Basiskompetenzen wie Resilienz, Gefühlsregulation, Empathie und Selbstvertrauen gezielt zu entwickeln und zu stärken. Kinder früh darin zu unterstützen, innere Stabilität zu entwickeln – und pädagogische Fachkräfte zugleich in einer Arbeit zu stärken, die emotional fordernder denn je ist, gehört in den Bereich frühkindliche Bildung. Es ist also mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen. Gerade in einer Zeit, in der KI immer mehr Aufgaben übernimmt, kommt es darauf an, Kinder in dem zu stärken, was sie als Menschen auszeichnet. So sind entscheidend für den Schulstart als auch für das Leben im Allgemeinen Basiskompetenzen wie Frustrationsfähigkeit, Gefühlsregulation, Konfliktfähigkeit, Selbstorganisation, Selbstwert und Freude am Lernen. Denn Erzieher erfahren täglich am Verhalten der Kinder, dass Eltern für diese Aufgaben nicht vorbereitet sind. Kinder sind eben keine kleinen Hündchen, die man bei nicht gefallen zurückgeben kann. Kinder sind und bleiben eine Lebensaufgabe.
Emotionale Fitness
So beginnen Achtsamkeit und sozial-emotionale Entwicklung nicht erst in der Vorschule. Solche Kompetenzen werden nicht kurz vor der Einschulung abgearbeitet, sondern sie entwickeln sich schon bei den Allerkleinsten. Die Vorschulzeit sei vielmehr die Phase, in der diese Fähigkeiten noch einmal gezielt vertieft werden – insbesondere mit Blick auf den Übergang in die Schule. Im Alltag zeigt sich das in kleinen, wirksamen Ritualen und Übungen: mit Gefühls-Check-ins am Morgen, positiven Affirmationen im Morgenkreis, bewussten Atemübungen in hektischen Situationen oder achtsamen Sinneserfahrungen im Tagesablauf. Auch Bilderbücher über Gefühle, Rollenspiele, kindgerechte Anti-Mobbing-Impulse oder spielerische Yoga- und Entspannungseinheiten können Kindern dabei helfen, einen eigenen inneren Werkzeugkasten für herausfordernde Situationen zu entwickeln. Im Mittelpunkt steht dabei eine klare Botschaft: Alle Gefühle sind richtig und wichtig. Kinder sollen lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und mit ihnen umzugehen – und gleichzeitig erfahren, dass sie mit ihren Unsicherheiten nicht allein sind.
Stabilität
Gerade der Übergang von der Kita in die Grundschule ist für viele Kinder eine sensible Phase. Neue Regeln, neue Bezugspersonen, neue Gruppen und neue Erwartungen können schnell zu Stress führen. Diese Situation erfordert emotionale Stabilität oft mehr als ein früher Wissensvorsprung. Kinder, die gelernt haben, mit Frust umzugehen, Hilfe zu holen, ihre Bedürfnisse auszudrücken und sich in Gruppen zurechtzufinden, bringen eine wichtige innere Sicherheit mit. Diese erleichtert nicht nur den Schulstart, sondern stärkt sie auch langfristig für neue und herausfordernde Situationen. Mentale Fitness ist deshalb kein weiches Zusatztopic, sondern eine konkrete Voraussetzung dafür, dass Kinder Übergänge gut bewältigen und mit Freude weiterlernen können.
Fachkräfte
Neben den Kindern benötigen auch die pädagogischen Fachkräfte Unterstützung. Denn für sie ist deren psychische Gesundheit eine wesentliche Voraussetzung für gute pädagogische Arbeit, weil pädagogische Arbeit hochintensiv und beziehungsorientiert ist. Wenn Fachkräfte dauerhaft erschöpft sind, können sie den Kindern nicht die Ruhe und Sicherheit geben, die diese für ihre Entwicklung brauchen. So ist es wichtig, die Fachkräfte durch alltagstaugliche Methoden entlasten, gesunde Kommunikationsstrukturen im Team und eine Haltung, die Fachkräfte stärkt aufzubauen, statt sie zusätzlich unter Druck zu setzen. Selbstfürsorge ist deshalb kein Nebenaspekt, sondern Grundlage professioneller pädagogischer Arbeit. Denn Kinder regulieren sich nicht allein – sie brauchen Erwachsene, die ihnen Sicherheit geben und in belastenden Momenten Orientierung vermitteln können.