In der Medizin werden tägliche neue Erkenntnisse gewonnen, die zum Vorteil der Menschheit dienen. Okay, vielleicht ist nicht jede Erkenntnis zielführend. Doch besonders bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen können kleine Fortschritte große Wirkungen erzielen. luckx – das magazin setzt den ersten Teil des Herzberichtes fort.
Diagnosemöglichkeiten werden besser
Herz-Kreislauf-Erkrankungen machen es – im Unterschied zu vielen Tumorerkrankungen – Medizinern möglich, viele Veränderungen schon in der Frühphase zu diagnostizieren und zu behandeln – bevor Symptome einen schwereren klinischen Verlauf ankündigen. „Die Chance medizinisch eingreifen zu können, bevor ein spürbarer Schaden eintritt – vorausgesetzt Risikopatienten gehen auch zur Vorsorge –, müssen wir noch mehr nutzen und die Bevölkerung motivieren, sie auch anzunehmen. Nur so können wir die Zahl vermeidbarer Krankenhausbehandlungen verringern und dem Kostendruck im Gesundheitswesen etwas entgegensetzen“, betont Prof. Schunkert. Das erfordere mehr Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung, aber auch mehr Anstrengungen seitens der Politik für Präventionsprogramme. „Dank wesentlicher Weiterentwicklungen in der Herz-Diagnostik durch neue bildgebende Verfahren wie der nicht-invasiven Koronaren CT-Angiographie – kurz CCTA, stehen uns sehr zuverlässige Verfahren für eine frühzeitige Erkennung von Menschen mit einer KHK und einem Risiko für Herzinfarkt zur Verfügung.“ Die CCTA kann Veränderungen der Herzkranzgefäße (Plaques, Verengungen) frühzeitig erfassen und die Stress-Echo oder Kardio-MRT kann deren Auswirkung auf die Durchblutung des Herzmuskels zeigen. Die ambulante CCTA wurde 2024 nach einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen aufgenommen. Insbesondere für Patienten, bei denen mit relativ geringer bis mittlerer Wahrscheinlichkeit eine KHK vorliegt, ist die CCTA eine wertvolle Diagnosemethode. Allein 2023 wurden 59.757 Koronar-CT durchgeführt, ein Anstieg um mehr als 5.000 innerhalb eines Jahres (2022: 54.376). „Dank der Koronar-CT lassen sich eine invasive Herzkatheterdiagnostik und stationäre Aufenthalte reduzieren“, erklärt der Münchener Herzspezialist Schunkert.
Auswirkung der Pandemie auf stationäre Versorgung
Bereits in den Pandemiejahren 2020 bis 2022 wurde eine Rückläufigkeit in der kardiologischen und herzchirurgischen Versorgung festgestellt, insbesondere bei den planbaren (elektiven) Eingriffen und in der kardiologischen Reha. Beim Vergleich der verschiedenen Prozeduren und Krankenhausfälle mit dem Vorpandemiejahr 2018 zeigt sich 2023 abermals eine Rückläufigkeit – teils moderat, teils auch sehr deutlich. Die Zahl der vollstationär behandelten Herzpatienten sank zum Beispiel zwischen 2018 und 2023 um 7,7 Prozent. Zugleich lassen sich für diesen Zeitraum bei Operations- und Interventionszahlen rückläufige Zahlen feststellen (Ausnahmen: TAVI mit +23,6 Prozent und PCI mit +1,7 Prozent). Besonders ausgeprägt zeigt sich eine rückläufige Entwicklung im Zeitraum 2018 bis 2023 bei der isolierten koronaren Bypassoperation (-23,4 Prozent) sowie bei den Eingriffen für Herzschrittmacher (Aggregatwechsel: -28,4 Prozent/Revision: -19,6 Prozent) und implantierbaren Defibrillatoren (ICD) (Implantation: -12,2 Prozent und Aggregatwechsel: -32,1 Prozent). Diese Abnahme dürfte am ehesten dadurch bedingt sein, dass Kliniken zum Teil zur Schaffung von Kapazitäten für Covid-19-erkrankte Patienten zeitweise ihr Versorgungsangebot herunterfuhren oder Patienten Krankenhausbesuche aus Sorge vor einer Infektion vermieden. „Die Covid-Pandemie hat möglicherweise zu einer erhöhten Sterblichkeit als Folge einer Unterdiagnostik und -therapie geführt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und mitunter Notfälle wurden nicht kardiologisch versorgt. Diese Zusammenhänge müssen wissenschaftlich aufgearbeitet werden.“ Für die Zukunft müsse auch in Ausnahmesituationen wie einer Pandemie die kardiologische Versorgung herzkranker Kinder und Erwachsener und damit eine resiliente herzmedizinische Versorgung sichergestellt sein, so Schunkert.
Sinkende Herz-Kreislauf-Sterblichkeit
Beim Blick auf die Sterblichkeitsraten durch Herzkrankheiten im Zeitraum 2019 bis 2023 fällt auf, dass diese nur bei KHK um 5 Prozent von 132,0 Gestorbenen pro 100.000 EW (2019) auf 125,3 (2023) und bei Herzschwäche marginal um 0,1 Prozent gesunken ist auf 37,6 Gestorbene pro 100.000 EW (2023). Herzrhythmusstörungen (+3 Prozent), Herzklappenerkrankungen (+7 Prozent) und angeborene Herzfehler (+15,2 Prozent) verzeichnen hingegen in diesem Zeitraum deutliche Sterblichkeitsanstiege. Im Fall der Herzinsuffizienz spielen für die sinkende Mortalität unter anderem lebensverlängernde Effekte von Medikamenten auf Basis der Vier-Säulen-Strategie (ACE-Hemmer/Sartane oder ARNI, Betablocker, MRI und SGLT-2-Hemmer) und Schrittmacher-Therapien eine wichtige Rolle. „Darauf deutet auch die sinkende Sterblichkeitsrate der Vorjahre hin“, erklärt Prof. Schunkert mit Blick auf die Herzberichtszahlen. „Die Ursachen für die deutlicheren Sterblichkeitsanstiege bei Herzklappenerkrankungen und Herzrhythmusstörungen verlangen eine genauere Analyse“, so Prof. Schunkert. Denn für Vorhofflimmern und Vorhofflattern, die laut Herzbericht mit rund 80 Prozent den Großteil der Sterbefälle durch Herzrhythmusstörungen ausmachen, hat sich die Therapie dank der Innovationen in der Verödungstherapie (Katheterablation) enorm verbessert. Beide Rhythmusstörungen gelten generell als gut behandelbar. Dennoch gilt auch für das Vorhofflimmern: Vermeidung von Übergewicht und Alkohol sowie eine gute Behandlung des Bluthochdrucks könnten viele Fälle verhindern.
Viele Herzklappenerkrankungen wie der Mitralklappenundichtigkeit oder der Aortenklappenstenose nehmen eher aufgrund der steigenden Zahl (hoch-)betagter Menschen zu. Dank operativer und interventioneller Verfahren – wie der kathetergestützten Aortenklappen-Implantation (TAVI) – sind auch diese Herzerkrankungen im hohen Alter gut behandelbar. „Mit der demographischen Entwicklung ist für diese Art der Herztherapie auch in den nächsten Jahren ein weiterer Anstieg zu erwarten“, vermutet Herzspezialist Schunkert.
Hinzu kommt: Für den Vergleich der Mortalitätsraten zwischen 2019 und 2023 muss laut Autoren des Herzberichts immer noch ein Pandemie-Effekt angenommen werden: „Eine Covid-Infektion stellt auch weiterhin eine relevante Todesursache für Personen im höheren Alter dar, an der 2023 über 24.000 Personen im Alter von 65 Jahren und älter starben.“ Diese wären ohne Covid-Pandemie womöglich an einer anderen altersbedingten Erkrankung wie einer Herzkrankheit gestorben. Wird fortgesetzt.
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