Dass Krankheiten in Abhängigkeit vom Wohnort auftreten, haben wir schon häufiger gehört. Das betrifft beispielsweise Leukämie bei Atomkraftwerken, Lärmerkrankungen durch Umgebungslärm und vielem mehr. Das auch Herzerkrankungen dazu gehören, ist den meisten unbekannt, wie luckx – das magazin recherchierte und setzt den zweiten Teil des Herzberichtes fort.
Regionale Sterblichkeiten
Wie die Zahlen des Deutschen Herzberichts verdeutlichen, sind die Sterblichkeit und Krankenhausaufnahmen wegen Herzkrankheiten regional unterschiedlich ausgeprägt. Das zeigt sich am Beispiel des akuten Herzinfarkts deutlich: Die höchste Herzinfarkt-Mortalitätsrate eines Bundeslandes kann mehr als doppelt so hoch sein wie die niedrigste Mortalitätsrate eines anderen Landes. Im Osten Deutschlands überwiegen die Bundesländer mit der höchsten Sterblichkeit durch Herzinfarkt, allerdings ist mit Schleswig-Holstein wieder ein westdeutsches Bundesland von einer erhöhten Sterberate betroffen. Die höchsten Herzinfarkt-Sterberaten finden sich 2023 in Berlin mit 71,2 Gestorbenen pro 100.000 EW, in Mecklenburg-Vorpommern mit 66,9, in Brandenburg mit 59,4 und in Schleswig-Holstein mit 57,9 Gestorbenen pro 100.000 EW. Die Herzinfarkt-Sterberate deutlich gesenkt haben unter anderem Sachsen-Anhalt (2022: 65,2/2023: 56,5), Sachsen (2022: 56,3/2023: 51,3), Saarland (2022: 51,2/2023: 45,5) und Bayern (2022: 48,6/2023: 44,3). „In Sachsen-Anhalt dürfte die 2018 eingeführte alljährliche ,Herzwoche‘ mit landesweiten Anstrengungen von Behörden, Ärztenetzwerken, Krankenkassen und Aktionsbündnissen in der Bevölkerungsaufklärung bedeutsam zur Infarktprävention beigetragen haben. Bayern ist im Jahr 2022 mit der Kampagne ‚Hand aufs Herz – Aktiv gegen Herzinfarkt‘ angetreten, um die Prävention und frühzeitige Therapie zu verbessern“, erklärt der Herzstiftungs-Vize-Vorstandsvorsitzende Schunkert. Die Aufklärungsaktionen widmen sich den Themen Vorsorge, Ursachen und Symptome von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie richtiges Notfallverhalten bei Herzstillstand. Rückläufige Zahlen an Herzinfarktopfern sind die Belohnung!
Höchste Herzinfarktsterblichkeit in Berlin
Warum eine Metropole wie Berlin die höchste Herzinfarkt-Sterberate aufweist – im Gegensatz zu Hamburg mit der niedrigsten Herzinfarkt-Sterberate –, bedürfte einer wissenschaftlichen Untersuchung. Die Hauptstadt verfügt mit einer Quote von 18.540 Einwohnern (EW) pro Kardiologe über eine überdurchschnittliche Kardiologendichte, die über dem Niveau anderer Bundesländer wie Baden-Württemberg (20.768 EW/Kardiologe), Hessen (20.983 EW/Kardiologe) oder Bremen (19.214 EW/Kardiologe) liegt. Auch Berlins Dichte an Linksherzkatheter (LHK)-Messplätzen liegt mit 54.031 EW je LHK-Messplatz noch weit über dem bundesweiten Mittel (65.993 EW/LHK-Messplatz). Die niedrigsten Herzinfarkt-Sterbeziffern für 2023 weisen Hamburg mit 30,6 Gestorbenen pro 100.000 EW, Nordrhein-Westfalen mit 31,8, Niedersachsen mit 43,6 und Bayern mit 44,3 Gestorbenen pro 100.000 EW auf. Als Ursachen für die regionalen Unterschiede führen die Autoren im Herzbericht Unterschiede bei sozioökonomischen Faktoren sowie der Bevölkerungsstruktur an. „Darunter können Faktoren wie Raucheranteil, Erwerbsstatus, Arbeitslosenquote und die Häufigkeit von Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Adipositas fallen. Auch Defizite in der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung können Teil des Problems sein. Diese Defizite müssen auch seitens der Politik etwa durch gezielte Präventionsprogramme im Kindesalter in Kita und Schule oder durch standardisierte Herz-Kreislauf-Gesundheitschecks im besten Fall ab 35 und spätestens ab 50 adressiert werden“, fordert Prof. Schunkert. „Digitale Helfer wie die HerzFit-App der Herzstiftung oder Smartwatches können Menschen dabei unterstützen, ihr Herzinfarkt-Risiko zu erfassen, sie zu einem herzgesunden Lebensstil motivieren mit Bewegung, gesunder und ausgewogener Ernährung sowie ihre Werte für Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin im Blick zu behalten“, berichtet Prof. Schunkert.
Chest-Pain-Unit (CPU): „Lückenfüller“ bei geringer Akutversorgungsdichte?
Angesichts der regionalen Unterscheide in der Sterblichkeit stellt sich die Frage: Inwiefern kann die in Deutschland unterschiedliche Versorgungsdichte mit Kliniken, die ein Katheterlabor oder eine zertifizierte Chest-Pain-Unit (CPU, Herznotfallambulanz) vorhalten, dazu führen, dass in (ländlichen) Regionen mit einer niedrigeren Versorgungsdichte akut behandlungsbedürftige Notfälle zu spät oder schlimmstenfalls gar nicht behandelt werden? Andererseits sind Erfahrung und Kompetenz bei der Behandlung des akuten Notfalls wichtig. Für die Akutversorgung von Patienten mit akuten Brustschmerzen stehen in Deutschland 388 CPU (Stand Ende August 2025) in Krankenhäusern an 365 Tagen rund um die Uhr zur Verfügung. CPU müssen über ein Katheterlabor verfügen. Bei akuten Brustschmerzen müssen mit höchster Priorität vor allem Erkrankungen wie Herzinfarkt, Lungenembolie und Aortendissektion (Einriss der Hauptschlagader) ausgeschlossen oder nachgewiesen werden. Auch Komplikationen bei Herzrhythmusstörungen oder die Bluthochdruckkrise sind Fälle für die CPU, die für die kardiologische Versorgung von akuten Notfällen von enormer Wichtigkeit ist. „In ihrer Verbreitung hat die CPU in Deutschland stark zugelegt, sie ist aber in ihrer Anzahl und Dichte zwischen Ballungsgebieten und dem ländlichen Raum ungleich verteilt“, gibt der Stellvertretende Herzstiftungs-Vorsitzende und Klinikdirektor zu bedenken. „Chest-Pain-Units können dabei helfen, Versorgungsengpässe für kardiologische Notfälle in ländlichen Gebieten mit einer geringeren Krankenhausdichte abzufedern“, erklärt Prof. Schunkert, dessen Klinik selbst eine CPU führt. Angesichts von Klinikinsolvenzen – auch perspektivisch im Zuge der Krankenhausreform – wächst die Sorge vieler Ärztinnen und Ärzte vor Engpässen in der kardiologischen Akutversorgung. „Die Versorgung kardiologischer Notfälle muss auch im Rahmen der Krankenhausreform sichergestellt sein und somit auch die Verbreitung von CPUs, die rund um die Uhr mit qualifiziertem Personal besetzt sind.“
Präventionsprogramme
Dass Deutschland bei der durchschnittlichen Lebenserwartung im Vergleich mit anderen westeuropäischen Ländern weit hinten steht, haben unlängst Studien gezeigt. Die Gründe hierfür sehen die Autoren u.a. in Defiziten bei der Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Neben Alter und Genetik sind durch einen ungesunden Lebensstil verursachte Risikofaktoren wesentlich am Entstehen von KHK und anderen Herzkrankheiten wie Herzschwäche beteiligt. „Wir müssen für eine Verbesserung der Herzgesundheit in der Bevölkerung neben den bekannten Instrumenten der medizinischen Therapie auch verstärkt evidenzbasierte Effekte von Screenings – etwa zur familiären Hypercholesterinämie –, Vorsorge-Check-Ups und frühzeitigen Präventionsprogrammen bereits ab dem Kindes- und Jugendalter nutzen“, fordert Schunkert.
Ein Gedanke zu „Herzkrankheit abhängig vom Wohnort“
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