Deutsche Lokomotive

In der Vergangenheit wurde Deutschland gern als die europäische Lokomotive bezeichnet. Nun gibt es aber immer wieder pessimistische Stimmen, die Deutschland am Abgrund sehen obwohl unser Land weiterhin die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft ist. Luckx – das magazin versucht eine Einordnung.

Motor der Weltwirtschaft

Slums in den Vororten der deutschen Großstädte. Menschen tummeln sich auf Müllhalden auf der Suche nach verwertbaren. So oder ähnlich könnte man die pessimistischen Darstellungen aus Wirtschaft und besonders der Politik interpretieren. Doch unser Sozialstaat lässt so etwas gar nicht zu. Zwar gibt es immer wieder Müllhaldenberichte vor Wohnkomplexen. Doch hier ist die Kommunalverwaltung in der Pflicht einzuschreiten. Dabei geht es nicht nur um einen unschönen Anblick, sondern auch darum, gesundheitliche Beeinträchtigungen zu verhindern. Im Übrigen sind seit Jahrzehnten offene Müllhalden in Deutschland und Europa nicht zulässig. Und darauf achten wir. Schon das Wegwerfen einer Zigarettenkippe wird mit Strafe bedroht. Doch warum die bundesdeutschen Arbeitnehmer, die Unternehmer, die Freiberufler, Handwerker und alle anderen sich von den Pessimisten beschimpfen lassen müssen, ist nicht einsehbar. Denn nicht umsonst wird hier von der arbeitenden Bevölkerung weiterhin ein Land aufgebaut, dass mit „Made in Germany“ eine starke internationale Position hat. Das sieht auch Sven Smit so. Er ist langjähriger Chefstratege von McKinsey und sieht die Welt in einem „Jahrhundert des Überflusses“. Seiner Meinung nach könne Deutschland davon massiv profitieren – vor allem dank seiner Industrie.

Kriege und Krisen

Von Kriegen und aktuellen Krisen lässt sich Smit nicht entmutigen. Er wagt in seinem neuesten Buch „A Century of Plenty“ die radikale These, dass sich die Weltwirtschaftsleistung bis 2100 verachtfachen könnte. Seine Überzeugung beruht auf einer Analyse der vergangenen 100 Jahre. Daraus leitet der 59-Jährige ab: „Es ist wichtig, sich nicht von der aktuellen Lage entmutigen zu lassen. Auch in Zeiten der Disruption durch Technologien wie Künstliche Intelligenz ist es entscheidend, optimistisch zu bleiben und die Chancen zu nutzen, die sich bieten.“ Smit kommt zu dem Schluss, dass bis zum Jahr 2100 für alle Menschen ein Lebensstandard wie in der Schweiz möglich sei. Für ihn ist das nicht Tagträumerei, sondern Optimismus. Für ihn ist Optimismus eine Lebensphilosophie – denn ohne den Versuch, etwas zu erreichen, bleibt man stehen. Es ist wichtig, sich nicht von der aktuellen Lage entmutigen zu lassen. Auch in Zeiten der Disruption durch Technologien wie Künstliche Intelligenz ist es entscheidend, optimistisch zu bleiben und die Chancen zu nutzen, die sich bieten. Historisch betrachtet gab es in den vergangenen 100 Jahren große Fortschritte. Doch das vergessen wir gerne angesichts der aktuellen Herausforderungen. Wir Menschen neigen dazu, die Vergangenheit positiver zu sehen als die Zukunft. Diese Nostalgie kann täuschen. Sein Buch basiert auf der Idee, dass es keine fundamentalen Wachstumsgrenzen gibt. Und die gibt es wirklich nicht, stellt Smit fest.

Wachstumserwartungen

Seiner Meinung nach kann sich die weltweite Wirtschaftsleistung bis 2100 verachtfachen, ohne dass der Klimawandel dieses Wachstum strukturell begrenzt. Um dieses enorme Wachstum, diesen Überfluss zu erreichen, ist jedoch der Einsatz emissionsarmer und zugleich wirtschaftlich tragfähiger Energien erforderlich, von Solarenergie bis zur Kernkraft, da Öl und Gas dafür nicht ausreichen werden. Auch für Deutschland sieht Smit 1,5 bis zwei Prozent Wachstum pro Jahr. Das gelingt seiner Meinung aber nur, wenn sich die Einstellung ändert. Man muss glauben, dass Wachstum möglich und wichtig ist, um Probleme zu lösen. Er sieht Deutschland als ein Motor, der sich aber manchmal selbst im Weg steht. Die Energiepreise sind viel zu hoch, die Bürokratie auch zu umfassend. Deutschland hat die Möglichkeit, ein Vorreiter zu sein, aber es muss die Bedingungen schaffen, um das zu erreichen. Deutschland darf nicht auf Europa warten. Deutschland muss voranschreiten und Europa so treiben.

Die größte Chance und das größte Risiko bis 2030

Die größte Chance liegt in der Industrie, zum Beispiel in der Robotik und im Maschinenbau. Die neue, von Künstlicher Intelligenz geschaffene Welt muss im klassischen Sinne geschaffen, gebaut werden. Wer kann denn diese neuen Roboter bauen? Das können wir Europäer, insbesondere die Deutschen, so Smit. Das größte Risiko ist, dass Bürokratie und Regulierung den Fortschritt behindern.

Der Optimismus kippt dann, wenn Investitionen ausbleiben, Produktivität trotz Technologie stagniert und Energie- sowie Netzinfrastruktur strukturell zum Nadelöhr werden. Historisch sind das genau die Konstellationen, in denen Fortschritt nicht mehr skalierte.

In seinem Buch beschreibt er Fortschritt als skalierbar, er wächst demnach unter den richtigen Rahmenbedingungen exponentiell zu den eingesetzten Ressourcen. Seiner Meinung nach ist Deutschland nicht schlecht im Skalieren. Historisch scheitert Skalierung selten an Ingenieuren, sondern an Institutionen, Infrastruktur und Kapitalmobilisierung. Wo diese stimmen, skaliert Fortschritt – auch in hochkomplexen Industrien.

Deutschland braucht eine glaubwürdige Wachstumsgeschichte

Wenn man Produktivität schnell steigern will, braucht es drei Dinge: erstens eine glaubwürdige Wachstumsgeschichte. Gesellschaften investieren und skalieren nur, wenn sie an Fortschritt glauben – nicht, wenn sie sich primär mit Umverteilung beschäftigen. Wachstum, nicht Umverteilung, löst unsere Probleme. Zweitens braucht es bezahlbare, verlässliche Energie. Jede historische Produktivitätswelle war energiegetrieben, und mit Künstlicher Intelligenz gilt das mehr denn je. Drittens Geschwindigkeit: Smit würde die Genehmigungshemmnisse reduzieren und wenige, große Pilotprojekte initiieren, die zeigen, was möglich ist. Produktivität scheitert selten an Ideen – fast immer an Systemen.