Wir haben schon die unterschiedlichsten Ströme gesehen: Früher war er mal gelb. Nun ist das Maß aller Dinge Grüner Strom. Und dieser kommt zwar weiterhin aus der Steckdose. Doch bevor er dort verfügbar ist, hat ihn die Sonne, das Wasser oder der Wind erzeugt. Wie sich Grüner Strom clever nutzen und vermarkten lässt, hat luckx – das magazin recherchiert.
Flexibilität scheint eine Lösung zu sein
Bis vor wenigen Jahren wurden einige Solarpanele auf Dach montiert und der Strom bei der Produktion durch die Sonne genutzt. Speicher waren zwar bekannt. Doch diese waren durch einen hohen Anschaffungspreise gekennzeichnet. Heute sind Speicher deutlich günstiger geworden und werden nach Marktprognosen im Preise weiter sinken. Wer aktuell günstigen Strom haben möchte, muss sich flexibel zeigen. So kann heute Flexibilität der Schlüssel für die Energiewende sein und sich für Unternehmen auszahlen. Doch so einfach wie sich diese Zeilen schreiben und lesen lassen, funktioniert es nicht. Denn Unternehmen müssen sehr flexibel auf das Stromangebot reagieren können. In einem Produktionsbetrieb im Mehrschichtbetrieb ist so etwas aber kaum umzusetzen. So erzeugen die erneuerbaren Energien mittlerweile etwa die Hälfte des Stroms in der Europäischen Union (EU). Doch Wind und Sonne liefern – je nach Tageszeit und Wetterlage – nicht gleichmäßig viel Strom. Dadurch schwankt die Einspeisung in die Netze, gleichzeitig steigen oder fallen die Preise an der Strombörse. Flexibilität könnte eine Lösung sein, um Angebot und Nachfrage besser aufeinander abzustimmen. Ein intelligentes Lastmanagement erlaubt es Unternehmen, nicht nur ihre Energiekosten signifikant zu senken, sondern durch die gezielte Vermarktung ihrer Flexibilität am Strommarkt sogar neue Erlöspotenziale zu erschließen. Wie Lösungen und Technologien für mehr Flexibilität aussehen, zeigte die Messe EM-Power Europe in München.
Nachfrageseitige Flexibilität
Nachfrageseitige Flexibilität beziehungsweise Demand-Side-Flexibilität könnte viel Potenzial bieten. Sie kann Schwankungen in der Stromerzeugung ausgleichen, die Netze in Spitzenzeiten entlasten und die Versorgung sicherstellen. „Das europäische Stromnetz benötigt Demand-Side-Flexibilität, um Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten, da die Erzeugung erneuerbarer Energien zunimmt und die Netze zunehmend belastet werden“, bestätigt Michael Villa, Geschäftsführer von smartEn, dem europäischen Branchenverband für flexibles Nachfragemanagement. Mit elektrifizierten Prozessen und vor allem durch eine flexible Steuerung des Stromverbrauchs können Industrie- und Gewerbebetriebe ihre Energiekosten senken. Entscheidend ist, wie stark Unternehmen ihre innerbetrieblichen Abläufe anpassen können, um erneuerbaren Strom optimal zu nutzen. Dabei müssen sie nicht zwangsläufig große Summen in neue Anlagen investieren, um ihr Flexibilitätspotenzial auszuschöpfen. Die Firma Ornua Foods Deutschland ist ein Beispiel dafür. Jedes Jahr verarbeitet sie etwa 80.000 Tonnen irische Butter für den deutschen und österreichischen Markt. Seit 2023 setzt sie auf eine KI-basierte Energiemanagementplattform, die den Stromverbrauch im Zusammenspiel mit einem dynamischen Stromtarif regelt. Betriebszeiten von Kompressoren, Kühlanlagen und Dampferzeugung werden für jeweils 24 bis 72 Stunden im Voraus optimiert und in Echtzeit an die Anforderungen und Marktsignale angepasst. Schon im ersten Betriebsjahr wurden über 9.600 Euro eingespart – nach nur 14 Monaten hatte sich die Investition amortisiert.
Vorteile für Unternehmen
Für Unternehmen zahlt es sich aus, flexibel zu sein. „Durch die Verlagerung des Stromverbrauchs auf Zeiten, in denen sauberer Strom reichlich vorhanden ist, können Industrie- und Handelsunternehmen ihre Energiekosten senken und sogar neue Einnahmen erzielen, indem sie Flexibilitätsdienstleistungen für das Netz erbringen. Die Technologien und Lösungen dafür existieren bereits – vom intelligenten Energiemanagement bis hin zur aggregierten Laststeuerung. Was Europa im Jahr 2026 braucht, sind starke politische Signale und Marktrahmenbedingungen, die es der Demand-Side-Flexibilität ermöglichen, sich uneingeschränkt an den Strommärkten zu beteiligen und ein widerstandsfähigeres, effizienteres Energiesystem zu unterstützen“, so Michael Villa. Flexibilität ist gerade für Unternehmen, die viel Energie verbrauchen, ein Schlüssel, um die Energiekosten deutlich zu senken. Dazu gehören zum Beispiel Stahl- und Zementanlagen sowie Aluminium-, Papier- und Glasfabriken. Für sie kann es sich lohnen, an sogenannten Spotmärkten kurzfristig erneuerbaren Strom am selben Tag (Intraday-Handel) oder am nächsten Tag (Day-Ahead-Handel) günstig einzukaufen sowie ihren selbst erzeugten beziehungsweise gespeicherten Strom teuer zu verkaufen. Die Vermarktung des Stroms übernehmen spezielle Dienstleister, wie Energy2market. Mit seinem Multimarket-Ansatz vermarktet das Unternehmen Batteriespeicher in der Industrie abhängig von der Jahreszeit. Im Winter biete sich das Peak-Shaving an, um teure Lastspitzen beim Strombezug zu verhindern, berichtet Kai Becker, Entwicklungsleiter bei Energy2market. Ein Kunde des Vermarkters, ein Aluwerk, spare allein dadurch 200.000 Euro im Jahr. In den Sommermonaten lohne sich aufgrund der großen Tagesschwankungen der Spotmarktpreise der Handel auf dem kurzfristigen Strommarkt.
Sektorkopplung und Power-to-Heat
Auch die Vermarktung von Flexibilität aus Wärmesystemen lohnt sich, etwa bei der Erzeugung von Prozesswärme durch Power-to-Heat. Ist zu viel Strom im Netz, wird er kurzerhand aus dem Netz entnommen, um einen Wärmespeicher aufzuheizen. Mit solchen Projekten hat die Firma Entelios aus München Erfahrung. Die Umrüstung eines bereits vorhandenen 10-Megawatt-Boilers habe sich beispielsweise bereits nach eineinhalb Jahren amortisiert, berichtet das Unternehmen. „Flexibilität ist die Schlüsselressource im volatilen Energiesystem. Mit unserer KRITIS-zertifizierten Hardware- und Software-Plattform steuern wir industrielle Lasten, Speicher und sektorgekoppelte Anlagen automatisiert so, dass Unternehmen preisoptimiert und gleichzeitig netzdienlich agieren können. Das senkt Energiekosten und erschließt zusätzliche Erlöse über Intraday-Handel und Regelreserve“, sagt Dr. Florian Hirsch, CTO bei Entelios. Die Regelreserve wird eingesetzt, um kurzfristig Ungleichgewichte im Stromnetz auszugleichen und die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten.