Immer schöner werden

So mancher unserer Mitmenschen versucht der Schönheit ein Schnippchen zu schlagen. Weil – wenn man daran glaubt – Gott ihn so geschaffen hat, wie der Mensch nun so ist, aber mit dem Ergebnis hadert, lässt das Messer an sich heran. Was dabei herauskommt, ist aber nicht immer so gewünscht, wie luckx – das magazin recherchierte.

Risiken ästhetischer Behandlungen

Täglich werden wir mit immer neuen Promigeschichten überhäuft. Entweder wird von gelungen Schönheitsoperationen berichtet oder der Ergebnis ist dann doch nicht vorzeigbar. Dabei sollte jeder schon erfahren haben, dass ein operativer Eingriff immer mit Risiken verbunden ist. Diese Risiken werden gern allgemein beschrieben. Aber im Einzelfall kann etwas ganz anderes dabei herauskommen. So erklären deutsche Arztpraxen auf ihren Webseiten aber nicht genau die Risiken. Und wenn, wird im Folgesatz schnell relativiert. Das zeigt eine Untersuchung von 1.004 Webseiten. So werden Nebenwirkungen und Kontraindikationen genannt. Meist bleibt es jedoch beim Stichwort in einer Checkliste oder in einem FAQ-Bereich. Was ein Risiko für den Patienten konkret bedeutet, erfährt er nicht. Verharmlosende Adjektive und beruhigende Zusätze rahmen jede Nennung zusätzlich. Patienten lesen den Hinweis – und haken ihn ab. Die Studie untersuchte Leistungsseiten zu Selbstzahlerleistungen in der ästhetischen Dermatologie und plastischen Chirurgie: Behandlungen mit Botulinumtoxin, Hyaluronsäure und Laser. Für die semantische Auswertung zogen die Autoren eine Stichprobe von 300 Leistungsseiten heran.

Ausführlich bei der Wirkung, wortkarg beim Risiko

Die Analyse zeigt ein deutliches Gefälle. Wirkung und Ablauf einer Behandlung beschreiben Ärzte ausführlich, oft in langen Schachtelsätzen mit medizinischen Fachbegriffen. Bei Nebenwirkungen fällt die Darstellung dagegen sehr knapp aus. Kurze Sätze sind dabei nicht das Problem – sie sind der richtige Weg. Problematisch ist, dass die Kürze hier keine Klarheit schafft, sondern Substanz ersetzt. Dabei greifen die Autoren regelmäßig zum Sandwich-Prinzip: Sie versehen ein Risiko mit einem abschwächenden Adjektiv wie „klein“, „leicht“ oder „minimal“ und relativieren es unmittelbar danach, etwa mit dem Hinweis, die Beschwerden klängen in der Regel nach wenigen Stunden ab. Ein typisches Beispiel aus den Daten lautet: „Tut die Behandlung weh? Dank Betäubungscreme ist die Behandlung praktisch schmerzfrei. Ein leichter Druck oder Stich kann während der Injektion spürbar sein, jedoch sind die Beschwerden minimal.“ Der Patient liest hier keine Antwort, sondern eine Beruhigung. Das Ergebnis stellt Studienleiter Gidon Wagner so dar: „Formal steht alles da. Psychologisch wirkt der Hinweis aber wie eine Fußnote. Kurze Sätze empfehlen wir ausdrücklich – sie sind gute Aufklärung. Hier ersetzen sie jedoch den Inhalt. Wer ein Risiko nur als Stichwort auflistet und sofort relativiert, sagt dem Leser: Das ist erledigt, das musst du nicht weiter bedenken. Genau die Sorgfalt, die Praxen bei der Beschreibung der Wirkung aufbringen, fehlt beim Risiko.“

Es geht auch anders

Statt nur beruhigen, könnten erklärende Ausführungen eine korrekte Antwort bieten, die dann wie folgt formuliert sein könnte: „Tut die Behandlung weh? Wir tragen vorher eine Betäubungscreme auf. Die Einstiche spüren Sie trotzdem: Jeder fühlt sich wie ein kurzes Piksen an. Danach kann die behandelte Stelle einige Stunden spannen. Blaue Flecken und kleine Schwellungen an der Einstichstelle kommen vor und klingen meist nach wenigen Tagen ab.“

Klar ist oder sollte zu mindestens den behandelnden Ärzten sein, dass eine Website kein Aufklärungsgespräch ersetzt. Der Gesetzgeber verlangt in § 630e BGB ein persönliches Gespräch. Die Website prägt jedoch, mit welcher Erwartung ein Patient in dieses Gespräch geht. Wer online liest, die Risiken seien minimal, hält die mündliche Aufklärung leicht für eine Formalie – oder empfindet sie als Widerspruch zum Werbeversprechen. Der Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie Dr. med. Dominik von Lukowicz sagt: „Aufklärung beginnt nicht im Sprechzimmer, sondern beim ersten Klick. Ein Risiko in einem Wort abzuhandeln, ist keine Aufklärung. Ich möchte im Termin über die Behandlung sprechen und nicht gegen falsche Erwartungen anreden, die meine eigene Website geweckt hat. Kurz und klar zu schreiben, heißt nicht, wenig zu sagen. Verständliche und ehrliche Risikokommunikation schützt beide Seiten.“

Verständlichkeit

Die dünne Risikokommunikation steht nicht für sich. Über alle 1.004 Leistungsseiten hinweg erreichen die Praxen einen durchschnittlichen Score von 47 Punkten. Als professionell und zugleich leicht verständlich gelten Texte erst ab 60 bis 70 Punkten. Alle elf untersuchten Standorte liegen im Bereich zwischen 40 und 49 Punkten. Das entspricht einem akademischen Sprachniveau der Stufe C1/C2. Der Score misst die Lesbarkeit sowie sprachliche Hürden wie Schachtelsätze, Passivkonstruktionen und den bürokratischen Nominalstil. Die AOK empfiehlt das Punktesystem unter anderem in ihrem Handbuch zur Verbesserung von Gesundheitskompetenz. „Patienten kommen mit vielen Fragen zu uns. Es ist unsere Aufgabe, schon im Vorfeld online verständlich aufzuklären“, sagt Dr. Alexandra Ogilvie, Gründerin eines Fortbildungsinstituts für ästhetische Medizin und Fachärztin für Dermatologie, Lasertherapie und dermatologische Kosmetologie. „Tun wir das nicht, weichen Patientinnen und Patienten auf soziale Netzwerke aus – oft mit dem Risiko mangelhafter Aufklärung. Verständlichkeit gehört deshalb in jede ärztliche Fortbildung.“