Was bewegt die Jugend in Deutschland? Diese Frage versucht die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ zu beantworten. Das ist kein leichtes Unterfangen. Denn die aktuelle wirtschaftliche Situation wird als kritisch immer dargestellt. Luckx – das magazin versucht eine Einordnung.
Nachtgedanken
Der große deutsche Dichter Heinrich Heine wird nun nicht mehr so oft als Schulliteratur genutzt. Vielleicht liegt es an seine Nachtgedanken. Dort schrieb er: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, ich kann nicht mehr die Augen schließen, und meine heißen Tränen fließen.“ So oder ähnlich kam wohl auch die Jugendstudie im europäischen Ausland an. Denn eine ungarische Wirtschaftszeitung nutzte die Ergebnisse, um ein düsteres Bild von Deutschlands Zukunft aufzuzeigen. Ein großer Frust wäre bei vielen jungen Menschen vorhanden. Das gipfelte dann darin, dass Deutschland seine Zukunft verlieren würde. Deutschland wäre also ein Land, dass immer mehr junge Menschen verliert. Nicht nur in Ungarn, auch in Griechenland und weiteren europäischen Ländern lassen sich ähnliche Kommentare finden. Deutschland stecke in einer wirtschaftlichen und politischen Krise, das scheint gern kommuniziert zu werden. Besonders betroffen sei die Generation der 14- bis 29-Jährigen, die kaum noch daran glaube, dass die großen Parteien die Probleme lösen können.
Wirtschaft angeschlagen, wohnen teuer?
Die Corona-Pandemie hat die gesamte Weltwirtschaft aus den Fugen gehoben. Ursache war die gesteuerte Infektion aus China. Zwar konnten die Chinesen am Anfang noch wirtschaftliche Erfolge erzielen. Doch nun nach sechs Jahren stehen deren Wirtschaftsteilnehmer noch schlechter da. Auch Deutschland hat sich von dieser Schwäche nicht richtig erholt. Das Wirtschaftswachstum wird dabei gern als Maßstab herangezogen. Doch dieses Bild trübt den Blick auf wichtigere Werte. Während in Deutschland beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei rund 43.000 Euro liegt, erwirtschaften die Griechen rund 19.000 Euro und die Ungarn rund 16.000 Euro. Die Inflation in den drei Ländern liegt bei 2,3 % (D), 2,9 % (GR) und 4,4 % (HU). Und hier rutscht die Kuh auf dem Eis. Als weiterhin drittgrößte Weltwirtschaft ist Deutschland ein attraktives Ziel um zu arbeiten. Griechen, Ungarn und viele andere junge Menschen aus den europäischen Ländern zieht es in die Bundesrepublik. Und da Familienangehörige als auch Freunde und Bekannte schon den Weg nach Deutschland gegangen sind, haben sie auch schnell Kontakte und erste Beziehungen für einen Job und besonders eine Unterkunft. Sie treibt es nach Deutschland mit dem Gefühl, im eigenen Land nicht mehr voranzukommen.
Deutschlands Jugend verliert die Geduld?
Aber auch in Deutschland steigt anscheinend der Druck auf die junge Generation. Die Chancen auf ein erfolgreiches Leben schwinden. Dauerkrisen, unsichere berufliche Perspektiven, Schulden und mentaler Stress prägen die Lebenslage vieler junger Menschen. Als Reaktion wenden sie sich den politischen Rändern zu oder denken sogar daran, Deutschland zu verlassen. Das ist die zentrale Botschaft der neunten Trendstudie. Die Studie basiert auf einer soziografisch repräsentativen Befragung von 2.012 jungen Menschen im Alter von 14 bis 29 Jahren, die im Zeitraum vom 09.01.2026 bis 09.02.2026 durchgeführt wurde. 21,8 Millionen der Menschen in Deutschland haben eine Einwanderungsgeschichte (26 Prozent). Gut die Hälfte der ausländischen Bevölkerung stammt aus anderen europäischen Ländern. Die größten Gruppen stellen Menschen mit türkischer, polnischer, syrischer und ukrainischer Staatsangehörigkeit. Die Studie wirft einen konkreten Blick auf aktuelle Lebensrealitäten junger Menschen. Insgesamt wird deutlich, dass der seit Jahren anhaltende Krisenmodus, geprägt von Krieg, Inflation, steigenden Wohnkosten und neuerdings auch von US-Präsident Trump, immer mehr junge Menschen überfordert. „Die Ergebnisse der Trendstudie zeigen auf dramatische Weise, wie sehr die Belastungen der letzten Jahre den jungen Menschen zusetzen – in Form von Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit“, betont Studienleiter Simon Schnetzer. Der Anteil junger Menschen, die angeben, psychologische Unterstützung zu benötigen, erreicht mit 29 Prozent einen neuen Höchstwert. Noch höher ist dieser Wert bei jungen Frauen (34%), Studierenden (32%) und Erwerbslosen (42%). Auffällig ist zudem, dass 60 Prozent der jungen Menschen eine suchtähnliche Smartphonenutzung aufweisen und viele bei persönlichen Problemen zunehmend auf KI-gestützte Beratungsangebote zurückgreifen.
Leistungsbereit ohne klare Perspektive
Trotz der schwierigen Lage bleibt die Leistungsbereitschaft der jungen Generation hoch. Die große Mehrheit ist bereit, zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig wachsen jedoch Zweifel, ob sich Leistung in Deutschland noch lohnt. Gerade in der Arbeitswelt zeigen sich bemerkenswerte Verschiebungen: Aufgrund wirtschaftlicher Unsicherheiten und des voranschreitenden Einflusses von KI bewerten junge Menschen ihre beruflichen Chancen deutlich schlechter als noch zuvor. Dies führt auch dazu, dass die berufliche Ausbildung gegenüber einem Studium deutlich an Attraktivität gewinnt. Viele junge Menschen setzen stärker auf praxisnahe Qualifikationen und sichere Berufsperspektiven, weil die Sorge vor Arbeitslosigkeit zunimmt. Währenddessen bleibt die wirtschaftliche Situation angespannt. Der Anteil junger Menschen, die Schulden haben, erreicht mit 23 Prozent einen neuen Höchststand. Junge Menschen wünschen sich neben finanzieller Bildung insbesondere stabile Zukunftsperspektiven, um sich langfristig abzusichern. Das Thema Wohnen verschärft diese Entwicklung: Teure Mieten und knapper Wohnraum erschweren die Lebenssituation für viele junge Menschen.
Bessere Lebensbedingungen im Ausland?
Die Folgen sind enorm: „Mit 21 Prozent plant jede fünfte junge Person konkret, Deutschland zu verlassen, um im Ausland bessere Lebensbedingungen zu finden“, hebt der Autor Kilian Hampel, Universität Konstanz, hervor. Noch deutlicher fällt der langfristige Trend aus: 41 Prozent können sich grundsätzlich vorstellen, auszuwandern. „Die Studie unterstreicht, wie dringend junge Menschen verlässliche Perspektiven für Arbeit, Wohnen und finanzielle Sicherheit benötigen“, so Hampel.
Doch welches Ziel die jungen Menschen auf der Landkarte ausgewählt haben, bleibt offen. Sicherlich ist es nicht Ungarn oder Griechenland, auch wenn in Griechenland Sonne, Strand und Meer locken. Denn junge Griechen suchen weiterhin ihre Perspektive in Deutschland. Vermutlich liegt das Ziel in den Herkunftsländern der Familie, was verständlich beim hohen Migrationsanteil ist. Doch die Jugend der zweiten, dritten oder folgenden Generation kennen das „Heimatland“ nur aus Urlaubsreisen. Da ist alles schön(er), oder auch nicht. Ob eine berufliche Perspektive vorhanden ist, bleibt fraglich.
Was bleibt, ist, dass junge Menschen trotz der wirtschaftlichen Unsicherheit selbst nach Perspektiven suchen müssen. Das ist für sie ungewohnt, weil bisher Eltern ihnen das Leben als Prinz und Prinzessin ermöglichten. Auch die Politik bietet diese ihnen nicht. Auch dann nicht, wenn das Heil am rechten und linken Rand der Politik gesucht wird. Die Aufgabe von Politik und Gesellschaft muss es dagegen sein, der jungen Generation Perspektiven sowie mehr Vertrauen und mehr Verantwortung zu geben, und damit die Leistungsbereitschaft zu stärken, die viele von ihnen weiterhin deutlich artikulieren. Der nun seit vielen Jahren bestehende politische Streit geht völlig an der Realität vorbei und bietet keine Perspektiven. Es fehlt das Handeln im Interesse der Menschen in diesem Land. Und wenn weiterhin beispielsweise die Wehrpflicht der Jugend die Perspektiven verbaut ist die Abwanderungen ins Ausland immer noch besser als in einem unnützen Krieg verheizt zu werden.
Vielleicht sollten wir deshalb noch einmal Heinrich Heine das Schlußwort geben: Gottlob! durch meine Fenster bricht, französisch heitres Tageslicht; es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, und lächelt fort die deutschen Sorgen.