Ob frisches Obst oder frisches Gemüse: Nicht alles kann mit kurzen Wegen in Deutschland und den Nachbarländern frisch auf den Tisch kommen. Trotzdem essen wir Erdbeeren auch im Winter zum Frühstück. Oder den Tomatensalat in der kalten Jahreszeit am Abend. Ist das nachhaltig, fragt luckx – das magazin?
Nachhaltig oder Klimakatastrophe?
Frisches Obst wird für uns um die halbe Welt geflogen, damit wir gut versorgt sind. Damit wir jeden Tag Erdbeeren und Heidelbeeren oder Ananas frisch auf den Tisch haben, legen sie einen langen Weg zurück. Vielfach wird zum Transport das Flugzeug genutzt. Denn frisches Obst ist eine schnell verderbliche Ware. Meist wird die Ware etwas früher gepflügt, um sie gut transportieren zu können. Es ist eine schöne Abwechslung. Doch ist es überhaupt notwendig oder sollten wir im Interesse des Klimaschutzes darauf verzichten? Und wenn wir darauf verzichten, welche Folgen hat das? Wir alle erleben es seit der Energiekrise in den 1970-er Jahren: Europa und insbesondere Deutschland ist von der kontinuierlichen und preisgünstigen Energielieferung abhängig. Darauf ist unser Wirtschaftssystem aufgebaut. Insbesondere in diesen Tagen wird es beim Blick auf die Kraftstoffpreise deutlich. Anscheinend haben wir seit über 50 Jahren daraus bis heute nichts gelernt. Die Erzeugung von nachhaltiger und preisgünstiger Energie steckt weiterhin in den Kinderschuhen.
Energiekrise
Auch die Energiekrise 1973 wurde durch einen Krieg ausgelöst. Nach dem Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel drosselten arabische OPEC-Staaten die Förderung und verhängten Lieferboykotte gegen Unterstützer Israels (u.a. USA, Niederlande). Schon damals war Deutschland zu ca. 75 % von Ölimporten abhängig. Der Preis für ein Barrel Rohöl stieg von ca. 3 auf bis zu 12 Dollar. Das Energiesicherungsgesetz wurde erlassen. Es gab vier autofreie Sonntage (25. Nov. bis 16. Dez. 1973), ein generelles Tempolimit (100 km/h auf Autobahnen) und Überlegungen zur Reduzierung der Weihnachtsbeleuchtung. Die wirtschaftlichen Folgen waren beträchtlich. So stiegen die Kosten für Ölimporte 1974 um rund 153 %. Es folgte eine wirtschaftliche „Stagflation“ mit hoher Arbeitslosigkeit und Inflation. Doch bis heute wurde kein Weg aus dieser Abhängigkeit von Öl und Erdgas gefunden. Alles, was seitens der Politik heute unternommen wird, führt nicht aus der Energiekrise. Weder die Anschaffung von Elektrofahrzeugen noch ein abermals überstürztes Heizungsgesetz helfen bei der Sicherung der Energieversorgung. Nun kann man es den damaligen als auch heutigen Politikern nicht übel nehmen, dass sie versagen. Sie sind halt Politiker und verfügen weder über wirtschaftliche Kompetenz noch über Weitblick. Doch insbesondere Deutschland, das sich als führende politische und wirtschaftliche Kraft in Europa definiert hat, sollte schneller für die eigenen Bürger und im Interesse der Wirtschaft Entscheidungen treffen. Ein Blick nach Griechenland genügt. Premier Mitsotakis hat vor ein paar Tagen eine Preisobergrenze für Kraftstoff festgelegt. Verstöße werden drastisch geahndet.
Gerechtigkeit für Landwirte
Zurück zur Versorgung mit Lebensmittel und der betroffenen Landwirtschaft. Aktuell wird in Deutschland durch die Landwirte der Boden für die Ernte im Herbst vorbereitet. Mit Maschinen erfolgt die Bearbeitung und auch Dünger wird ausgebracht. Sowohl Diesel als auch Dünger sind von dramatischen Preiserhöhungen betroffen. Es ist jetzt schon absehbar, dass die Preise der landwirtschaftlichen Produkte spätestens im Herbst dramatisch steigen werden. Wahrscheinlich ist die Versorgungssicherheit gewährleistet. Wir haben aber nicht nur für die Deutsche Landwirtschaft eine Verantwortung. Auch für die Lieferländer der schon erwähnten Ananas und Erdbeeren stehen wir in der Verantwortung. Denn durch unsere Nachfrage und den Konsum aus diesen Ländern produzieren die dortigen Landwirte für uns. Eine Diskussion während der Messe Fruit Logistica in Berlin gab darüber deutliche Einblicke, was auf diese Länder zukommen kann. „Nachhaltigkeit ist kein bloßes Schlagwort mehr, sondern Realität“, sagte Dorra Zairi, Expertin für Beschaffung und Märkte bei Import Promotion Desk. Die Landwirtschaft spürt die gravierenden Folgen der Übernutzung unseres Planeten, erklärte Simon Derrick, Leiter Nachhaltigkeit bei Blue Skies Holdings und Mitbegründer der Fairmiles-Initiative: „Der Klimawandel ist Realität und bestimmt bereits, wie und wo Lebensmittel produziert werden können.“ Die Artenvielfalt nimmt ab und die Ressourcenknappheit beschleunigt sich. Und noch etwas ist bemerkenswert: „Jahrzehntelang ging die Armut weltweit zurück, doch nun steigt sie wieder an. Das zeigt, dass Nachhaltigkeit, so wie wir sie bisher angegangen sind, nicht für alle Menschen auf der Welt funktioniert.“
Luftfracht
Genau dieses Thema stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion im Logistics Hub der FRUIT LOGISTICA 2026 mit dem Titel: „Hürden – Wie kann der Handel mit Frischwaren nachhaltige Lieferketten aufbauen und gleichzeitig die Existenzgrundlagen sichern?“ ICA Sverige, Schwedens größte Einzelhandelskette, beschloss vor einigen Jahren, auf Luftfracht zu verzichten. Schwedische Verbraucher legen großen Wert auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz, erklärte Maria Wieloch, Business Area Director von ICA, und Luftfracht trägt zum Emissionsproblem bei. Für ICA bedeutete dies, dass einige Frischwaren mit kurzer Haltbarkeit nicht mehr angeboten werden konnten. Das Unternehmen wog die verschiedenen Optionen ab und priorisierte seine Nachhaltigkeitsziele gegenüber einigen Produkten im Sortiment. Doch die Frage bleibt: „Das mag gut für den Planeten sein, aber ist es auch gut für die Menschen?“
Ärmere Regionen von Luftfracht abhängig
Nein, sagt Jeremy Knops, Generaldirektor von COLEAD, einem Netzwerk für nachhaltige und inklusive Landwirtschaft und Partnerorganisation von Fairmiles. Das Problem sei, so Knops, dass solche Nachhaltigkeitsinitiativen industrialisierter Länder oft die Lebensgrundlage von Produzenten in ärmeren Ländern und Gemeinden zerstören. Diese Menschen leiden bereits am stärksten unter dem Klimawandel – obwohl sie am wenigsten für die globale Umweltverschmutzung verantwortlich sind. Würden diese Produzenten von den Lieferketten abgeschnitten, verlören sie ihre Existenzgrundlage – das Geld für Nahrung, Gesundheitsversorgung und die Ausbildung ihrer Kinder. Dies müsse gegen die tatsächlichen Klimaauswirkungen des Transports von Frischobst per Flugzeug abgewogen werden. „Ja, die Luftfahrt wächst, aber der Transport von Frischobst ist nicht der Hauptgrund dafür“, betonte Knops.
Die Landwirte, die Dorra Zairi und ihre Kollegen vom Import Promotion Desk (IPD) vorwiegend in Afrika und Lateinamerika beraten, stellen Entscheidungsträger in Industrieländern oft vor Herausforderungen. So sei beispielsweise der Transport von frischen Kräutern aus Kenia ausschließlich per Flugzeug möglich, erklärt Zairi. Das IPD mit Sitz in Berlin und Bonn ist eine kostenlose Agentur, die Einzelhändler und Unternehmen in Europa mit zertifizierten Erzeugern und Lieferanten im globalen Süden vernetzt, die Transparenz- und Nachhaltigkeitskriterien erfüllen.
Gerechtigkeit für alle
„Wir brauchen mehr Forschung, um die Folgen unserer Nachhaltigkeitsentscheidungen zu verstehen“, warnte Simon Derrick. „Wir müssen sicherstellen, dass Maßnahmen, die wir im Namen der Nachhaltigkeit ergreifen, die Schwächsten in unserer Gesellschaft nicht unverhältnismäßig und unfair benachteiligen.“ Fairmiles und COLEAD haben daher fünf Prinzipien für einen gerechten Übergang festgelegt, um zu gewährleisten, dass ökologische Nachhaltigkeit die Existenzgrundlagen von Familien nicht zerstört: wirtschaftliche Grundlagen, Auswirkungen auf die Bevölkerung, Verhältnismäßigkeit, verantwortungsvolle Datenerhebung und Fairness im Wandel. Doch das scheint bis heute nirgendwo angekommen zu sein.