Bei uns kommt das Wasser aus dem Hahn. Jedenfalls haben wir von luckx – das magazin heute morgen dies so festgestellt. Außerdem wissen wir, dass unser Trinkwasser in Deutschland von hoher Qualität ist. Meistens jedenfalls. Doch könnte es bald mit der Qualität und der Quantität vorbei sein?
Klimawandel
Aus der norddeutschen Tiefebene wissen, dass die Wasserqualität insbesondere durch den Nitrateintrag der Landwirtschaft stark gelitten hat. Intensive Überdüngung durch das Ausbringen von Gülle auf den Feldern hat dazu geführt. Ebenfalls zwingt der Klimawandel Deutschland zu einem neuen Umgang mit Wasser. Industrie, Städte und private Haushalte müssen den Verbrauch senken und Wasser mehrfach nutzen. Darüber hinaus führen Rekord-Hitzeperioden zu Wasserknappheit, während Starkregen immer häufiger zerstörerische Sturzfluten auslöst. Das bringt den Wasserhaushalt spürbar aus dem Gleichgewicht und lässt das Grundwasser sinken. Betroffen sind davon bereits viele deutsche Städte und Kommunen. Für Dr. Stephan Wasielewski, Leiter des Bereichs Wasserinfrastruktur beim Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE, ist ein struktureller Wandel zwingend geboten: „Wir müssen das sorglose System aus Entnahme, Verbrauch und Ableitung hinter uns lassen. Zukunftsfähige Regionen werden jene sein, die Wasser mehrfach nutzen und in Kreisläufen halten – das wird auch für die Industrie zur entscheidenden Standortfrage.“
Tiefstände bei Flüssen
Spätsommer 2025: Der Rhein führt historisch wenig Wasser, Schiffe liegen fest, Lieferketten reißen, die Strom- und Chemieproduktion geraten unter Druck. Ernten fallen aus, Wälder brennen und Versicherer warnen vor unkalkulierbaren Risiken. Was sich regional zeigt, hat eine gemeinsame Ursache: Böden und Städte können Wasser immer schlechter aufnehmen und speichern. Versiegelte Flächen lassen Regen ungehindert ablaufen, statt ihn zu halten; ausgetrocknete Böden nehmen kaum noch Wasser auf, wenn es nach langen Trockenphasen endlich regnet. „Das ist ein paradoxes Problem, das zu einem schleichenden Ungleichgewicht und sinkenden Grundwasserpegeln führt“, sagt Umwelttechniker Wasielewski, der an der Universität Stuttgart promovierte und seit mehr als einem Jahrzehnt Abwassertechnik, Wasserwiederverwendung und strategisches Wassermanagement erforscht und gestaltet. „Der Niederschlag fehlt und wenn er fällt, gelangt er nicht ins Grundwasser und richtet in Teilen sogar verheerende Schäden an – ein Teufelskreis aus Wassermangel und Überschwemmungsrisiko. Ganze Regionen verlieren so ihre Speicherfähigkeit, und Grundwasservorräte erholen sich nach Dürrejahren kaum noch.“
Der Verbrauch überholt die Natur
Weltweit entnehmen Staaten und Wirtschaft derzeit mehr Wasser aus Böden, Flüssen und Reservoirs, als natürliche Systeme nachliefern können. Die Vereinten Nationen sprechen deswegen von einer drohenden „globalen Wasserüberschuldung“. Deutschland ist längst Teil dieser Entwicklung. Allein in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das Land laut einer aktuellen Studie von Boston Consulting Group und dem NABU Deutschland 60 Milliarden Kubikmeter Wasser mehr verloren, als nachfließt – ein Defizit, das dem gesamten Volumen des Bodensees entspricht. Ohne konsequentes Handeln bis 2050 werden so Schäden in Höhe von bis zu 625 Milliarden Euro entstehen. Wie öffentliche Hand und Industrie dem wachsenden Wasserstress am besten begegnen, genau damit beschäftigt sich Stephan Wasielewski. Seit Jahren arbeitet er an Lösungen für die öffentliche Hand und Industrie und hat beispielsweise den Masterplan Wasserversorgung des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg mitbegleitet. Dessen Ziel: die Versorgung von 11,1 Millionen Menschen auf einer Fläche von rund 3,57 Millionen Hektar dauerhaft zu sichern. Der Plan umfasst eine Wassermengenbilanz bis 2050, kommunenscharfe Versorgungskarten, eine systematische Bewertung der Versorgungssicherheit sowie maßgeschneiderte Handlungsempfehlungen für Städte und Gemeinden. Damit entsteht erstmals ein umfassendes Bild über die künftige baden-württembergische Wasserversorgung.
Produktion hängt am Wasser
Solche Planungsinstrumente wie der Masterplan auf Landesebene sind für die Kommunen und die Sicherstellung ihrer Wasserversorgung elementar – auch deshalb, weil die Ansiedlung und der Bestand von Industrie und damit Arbeitsplätzen in besonderem Maß von verlässlicher Wasserverfügbarkeit abhängen. Chemie- und Pharmaunternehmen, Rechenzentren, die Lebensmittelindustrie oder die Halbleiterfertigung – sie alle benötigen große Mengen Prozesswasser, vor allem für Kühlung und Reinigung. Das verarbeitende Gewerbe ist für etwa 16-20 Prozent des jährlichen Wasserverbrauchs in Deutschland verantwortlich, mehr als die Hälfte davon entfällt auf die Chemieindustrie. Gleichzeitig steigen die Anforderungen: Die EU-Kommunalwasserrichtlinie verpflichtet große Kläranlagen dazu, bis 2045 eine vierte Reinigungsstufe einzuführen. Mikroschadstoffe wie PFAS, Arzneimittelrückstände oder Mikroplastik sollen künftig zuverlässig entfernt werden.
Abwasser als Ressource
Wasielewski sieht darin jedoch keineswegs nur eine Belastung, sondern eine Chance, industrielles Wassermanagement grundlegend neu aufzusetzen. Abwasser und Regenwasser sind Ressourcen“, sagt er. „Und zwar in Mengen, die wir bisher kaum nutzen.“ Moderne Technologien wie Membranfiltration, biologische Behandlung und digitale Steuerungssysteme ermöglichen es Unternehmen mittlerweile sogar, kommunales Abwasser zu Brauch- oder sogar Reinstwasser aufzubereiten. „Industrielle Wasserkreisläufe schaffen eine Win-Win-Situation. Sie sichern den Betrieb und entlasten die Umwelt“, erklärt Wasielewski. „Insgesamt müssen wir diese Kreisläufe flächendeckend etablieren. Solange wir Wasser verbrauchen oder ableiten, statt es so lange wie möglich zurückzuhalten und mehrfach zu gebrauchen, wird es uns nicht gelingen, gegen den drohenden Wassermangel anzugehen. Ein Gebäude zum Beispiel, das statt schmutzigem Abwasser sauberes Betriebswasser produziert, ist die Richtung, in die wir denken müssen.“