Adipositas und Gesundheit

Gesundheit haben wir uns alle zum Neuen Jahr gewünscht. Um das zu erreichen, wollen wir uns auch mehr bewegen. Doch vielfach helfen die Wünsche und auch mehr Bewegung nicht, um das Gewichtsproblem in den Griff zu bekommen. Luckx – das magazin hat recherchiert.

Volkskrankheit

Adipositas hat sich zu einer Volkskrankheit entwickelt. In Deutschland ist davon ein erhebliche Teil der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Mehr als 13 Millionen Betroffene. Und Adipositas ist weit mehr als ein isoliertes Gewichtsproblem, denn die chronische Krankheit zieht eine Vielzahl von Folge- und Begleiterkrankungen nach sich. Viele Menschen mit Adipositas sind sich dieser Tragweite nicht bewusst und meiden sogar Arztpraxen aus Angst vor Stigmatisierung – eine doppelte Gefahr! Dabei kann eine nachhaltige Gewichtsabnahme mit ärztlicher Unterstützung das Risiko von Begleiterkrankungen deutlich senken, mehr Energie schenken und die Teilhabe am aktiven Leben fördern. Meist kommt Adipositas nicht allein. Weitere Erkrankungen sind die Folge und das macht die Behandlung noch schwieriger. Essstörungen und Depressionen, Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche, Bluthochdruck oder Diabetes schon bei sehr jungen Menschen, aber auch Schlafapnoe, hormonelle Erkrankungen und viele weitere. Frauen können noch zusätzlich durch gynäkologische Probleme belastet sein, denn Adipositas ist eine chronische Krankheit, die auch Zyklusstörungen, eine eingeschränkte Fruchtbarkeit, Schwangerschaftsdiabetes und andere Komplikationen in der Schwangerschaft, Wechseljahresbeschwerden und ein hormonelles Ungleichgewicht begünstigt.

Schwacher Wille?

In der öffentlichen Wahrnehmung werden Übergewicht und Adipositas oft auf einen schwachen Willen oder einen Mangel an Disziplin zurückgeführt. Doch das tut den Betroffenen Unrecht, denn Adipositas ist eine komplexe chronische Krankheit, die viele verschiedene Ursachen und erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben kann. Sie ist keine Frage von Willenskraft oder Disziplin, sondern wird von verschiedenen biologischen, hormonellen und genetischen Faktoren beeinflusst, die dazu führen, dass sich der Körper hartnäckig gegen das Abnehmen wehrt. Eine einfache Ernährungsumstellung und mehr Bewegung allein reichen deshalb meist nicht aus, um diesen Widerstand zu überwinden und nachhaltig abzunehmen. Wer Adipositas als kosmetisches oder Lifestyle-Problem abtut, verkennt die Gefahren, die die zahlreichen Folge- und Begleiterkrankungen dieser komplexen Krankheit für die Betroffenen mitbringen. Zuallererst ist Adipositas für Betroffene jeden Alters der stärkste und wichtigste Risikofaktor für Typ-2-Diabetes, da überschüssiges Fett die Insulinwirkung beeinflusst, zu Insulinresistenz führt und damit die Blutzuckerregulation beeinträchtigt. Dieses Risiko steigt mit jedem Kilogramm Übergewicht: Etwa 80 bis 90 Prozent aller neu diagnostizierten Typ-2-Diabetes-Fälle treten bei Menschen mit Übergewicht auf. Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen zählen ebenfalls zu den möglichen Folgen der Adipositas, was wiederum das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten wie koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz und Schlaganfall erhöht. Auch die obstruktive Schlafapnoe ist oft eine Folge des Übergewichts. Sie tritt bei Adipositas mehr als dreimal häufiger auf als bei Menschen mit Normalgewicht.

Funktionsstörung des Fettgewebes

Prof. Dr. med. Matthias Blüher, Professor für klinische Adipositasforschung an der Universität Leipzig untersucht, wie die chronische Krankheit Adipositas zu einer Funktionsstörung des Fettgewebes führt und damit Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf- und weitere Erkrankungen begünstigt. „Wahrscheinlich wird das Ganze vermittelt durch Stoffe, die aus dem Fettgewebe freigesetzt werden, zum Beispiel Hormone, aber auch Metabolite – Glukose, Fettsäuren – und Entzündungsparameter wie Zytokine, die den Körper in einen ständigen inflammatorischen Status versetzen“, fasst Blüher den aktuellen Stand der Forschung zusammen. Übermäßige Fettablagerungen und eine gestörte Hormonregulation führten zudem dazu, dass das Risiko für diverse Begleiterkrankungen vervielfacht wird. Viele Symptome entwickeln sich schleichend über einen längeren Zeitraum. Folgeerkrankungen werden deshalb häufig lange unterschätzt. Dazu gehören beispielsweise Gelenkschmerzen, Arthrose und Gicht, aber auch Gallensteine, Reflux und bestimmte Krebserkrankungen. Laut Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) standen im Jahr 2018 etwa 7 von 100 Krebserkrankungen in Deutschland im Zusammenhang mit Adipositas. Für 13 Krebsarten ist mittlerweile klar belegt, dass starkes Übergewicht das Erkrankungsrisiko erhöht. Dazu gehören beispielsweise Darmkrebs, Brustkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Leberkrebs.

Abnehmen wichtig

Die gute Nachricht ist, dass sich das Risiko für Folgeerkrankungen durch Abnehmen deutlich verringern lässt. Bereits durch eine moderate Gewichtsreduktion kann viel erreicht werden:

5 Prozent weniger Gewicht senkt das Risiko für Bluthochdruck.

Bis zu 15 Prozent weniger Gewicht kann die Schlafqualität spürbar verbessern.

Ab 15 Prozent Gewichtsverlust sinkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und Herzschwäche deutlich.

Und nicht zu vergessen: Eine Gewichtsreduktion fördert auch das allgemeine Wohlbefinden und die Teilnahme am Alltags- und Familienleben.

Doch bei Adipositas reicht eine einfache Ernährungsumstellung und Bewegungstherapie häufig nicht aus, um wirklich nachhaltig Gewicht zu verlieren. Es ist daher wichtig, dass Betroffene sich der Vielschichtigkeit der Ursachen ihrer Krankheit bewusst werden und bei Bedarf ärztliche Unterstützung hinzuziehen, um nachhaltige Therapieoptionen zu entwickeln. Dazu können heute auch moderne medikamentöse Therapien – ergänzend zu Lebensstiländerungen – gehören, die helfen, das Gewicht zu reduzieren und das Risiko für Folgeerkrankungen zu senken.