Wir alle gehen doch davon aus, dass wir unverwundbar sind. Mit hohen Geschwindigkeiten wird über die Autobahn gebrettert – ohne dafür fit zu sein. Und für unsere Gesundheit machen wir keinen Finger krumm. Doch damit alles wie gut geölt nach einem Ölwechsel beim Auto funktioniert, müssen wir unseren Körper pflegen, um die Risikofaktoren zu vermindern, meint luckx – das magazin.
Herzinfarkt und Schlaganfall
So mancher Petrolhead bringt sein Auto häufiger als erforderlich zum Ölwechsel in die Werkstatt als er sich selbst im Fitnessstudio fit hält. Dabei wäre mehr Achtsamkeit für den eigenen Körper wichtig. So kommt es wie es nicht kommen muss: Herzinfarkt – und das mit nicht einmal 50 Jahren. Im Zuge der routinemäßigen Blutuntersuchung wird bei jüngeren Herzinfarktpatienten oft festgestellt, dass der Wert eines bestimmten Blutfetts: Lipoprotein(a), kurz Lp(a), stark erhöht ist. Darüber hinaus stellt sich bei derart Betroffenen oft heraus, dass bei Familienangehörigen bereits im jüngeren Lebensalter Herzinfarkte aufgetreten sind. Lp(a) ist ein Cholesterin-Partikel, das dem LDL-Cholesterin, einem wichtigen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ähnelt. Es transportiert Fette im Blut und kann die Gefäßwände potenziell stärker schädigen als LDL-Cholesterin allein, was langfristig die Plaquebildung fördert. „Das macht Lp(a) neben LDL-C zu einem weiteren Blutfett, das zu Gefäß-Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall beitragen kann. Das gilt besonders bei jüngeren Frauen und Männern, auch wenn keine klassischen Risikofaktoren vorliegen“, betont Kardiologe Prof. Dr. Heribert Schunkert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „Deshalb empfehlen wir entsprechend der Leitlinie einmal im Leben den Check des Lp(a)-Wertes im Blut.“
Unbekannter Risikofaktor
Das LDL-Cholesterin – umgangssprachlich häufig als schlechtes Cholesterin bezeichnet – ist als Risikofaktor für Herzinfarkt bekannt. Bei Vorsorgeuntersuchungen wird es daher regelmäßig kontrolliert. „Weithin unbekannt ist dagegen, dass ein erhöhter Lp(a)-Wert ein eigenständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist und die Gefahr für einen Herzinfarkt steigern kann“, so Prof. Schunkert. So bleibt ein hoher Lp(a)-Wert häufig unerkannt, weil er nicht gemessen wird. Von einem grenzwertig erhöhten Lp(a)-Wert spricht man bei Größenordnungen von 30 bis 50 mg/dl (das entspricht circa 75 bis 105 nmol/l), während Werte darüber – größer als 50 mg/dl oder 105 nmol/l – als deutlich erhöht gelten. Wird ein solch hoher Wert bei der Blutuntersuchung festgestellt, ist eine Familienanamnese besonders wichtig. Dabei wird abgefragt, ob bereits in jungen Jahren ein Herzinfarkt oder eine schwere koronare Herzkrankheit aufgetreten sind. Denn der Lp(a)-Wert ist zu 90 % erblich festgelegt. Etwa jeder fünfte Mensch hat einen erhöhten Lp(a)-Wert – oft, ohne es zu wissen.
Erwachsene sollten einmal im Leben den Lp(a)-Wert im Blut bestimmen lassen, um ein potenzielles zusätzliches höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig erkennen und gegensteuern zu können. „Es genügt eine einzige Bestimmung, da der Wert im Laufe des Lebens weitgehend konstant bleibt“, so Schunkert weiter. Wurde ein hoher Wert festgestellt, wird er auch bei späteren Blutuntersuchungen erhöht sein. Ein niedriger Wert bleibt in der Regel auch in Zukunft niedrig.
Behandlungsmöglichkeiten
Zurzeit gibt es noch kein Medikament, das gezielt den Lp(a)-Spiegel senken kann. Auch Cholesterinsenker – sogenannte Statine – können es nicht reduzieren. Bei der Behandlung von Menschen mit erhöhtem Lp(a)-Wert spielen Statine und andere cholesterinsenkende Medikamente dennoch eine wichtige Rolle. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist von mehreren Faktoren abhängig, die sich unheilvoll ergänzen. Etwa von erhöhten LDL-Cholesterin-, Blutdruck- und Blutzuckerwerten sowie vom Lebensstil insgesamt. „Da der Lp(a)-Wert selbst kaum durch Ernährung, körperliche Aktivität beeinflusst werden kann, ist es umso wichtiger, etwa das LDL-Cholesterin medikamentös durch Statine niedrig zu halten und die anderen Risikofaktoren, möglichst gut einzustellen und konsequent zu kontrollieren. So lässt sich das Risiko in seiner Gesamtheit senken“, sagt Prof. Andrea Bäßler, Leiterin der Hochschulambulanz mit Lipidambulanz am Universitätsklinikum Regensburg.
Therapieverfahren
Nach Medikamenten, die Lp(a) gezielt senken können, wird zurzeit intensiv geforscht. Lp(a) wird von Leberzellen gebildet. Die in der Forschung aktuell entwickelten Wirkstoffe basieren auf Nukleinsäuren (RNA, Antisense-Olgonukletide, siRNA). Sie setzen gezielt in der Leber an und blockieren in den Zellen die Herstellung von Lipoprotein(a). Zurzeit werden mehrere Wirkstoffe in klinischen Studien getestet. Mit den neuen Ansätzen gelingt es, den Lp(a)-Spiegel um 80-90 Prozent zu senken. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Klärung der Frage, ob die neuen Wirkstoffe nachweislich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall reduzieren können. Derzeit laufen zu dieser Fragestellung große Studien. „Wenn diese Studien erfolgreich verlaufen, könnte in den kommenden Jahren erstmals eine gezielte medikamentöse Behandlung für Risikopatienten mit stark erhöhtem Lipoprotein(a) möglich sein“, betont Prof. Bäßler.
Lipidapherese
Eine nicht-medikamentöse Therapie die Lp(a) direkt wirksam senken kann, ist die sogenannte „Lipidapherese“. Bei diesem Verfahren wird das Blut „gewaschen“ und von Lp(a) befreit. Die Behandlung muss regelmäßig erfolgen und ist aufwendig. Sie kommt daher nur für Hochrisikopatienten infrage, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten oder eine schnell fortschreitende Gefäßerkrankung haben.
Lipoprotein(a), kurz Lp(a), ist ein häufig unterschätzter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei erhöhtem Lp(a)-Wert erhöht sich das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall schon bei Menschen unter 50 Jahren, selbst wenn andere Blutfettwerte unauffällig sind. Etwa jeder fünfte Mensch hat erhöhte Lp(a)-Werte – oft ohne es zu wissen. Fachgesellschaften empfehlen deshalb, Lp(a) einmal im Erwachsenenleben bestimmen zu lassen. Die einmalige Messung genügt, weil der Wert zu einem wesentlichen Teil genetisch bedingt ist und nur wenig im Lauf des Lebens schwankt.
Lp(a) ist ein spezielles Lipoprotein, also ein Transportpartikel aus Fett und Eiweiß. Es ähnelt dem LDL-Cholesterin, besitzt aber zusätzlich ein besonderes Eiweiß, das Apolipoprotein(a). Die Länge des kettenartig aufgebauten Apolipoproteins(a) variiert individuell erheblich. Diese zusätzliche Struktur unterscheidet Lp(a) zusätzlich von anderen Blutfetten. Und es hat ungünstige Eigenschaften (z.B. Förderung von Entzündungen, Arteriosklerose, Thrombenbildung), die Gefäßschäden begünstigen. Diese Effekte sind potenziell stärker als die durch LDL-Cholesterin.
Ein erhöhter Lp(a)-Wert ist mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose verbunden. Das Besondere ist, dass das Risiko auch dann erhöht ist, wenn andere Blutfettwerte unauffällig sind.
Familienanamnese
Viele Laborwerte, etwa Blutzucker oder Cholesterin, müssen regelmäßig kontrolliert werden. Bei Lp(a) ist das anders: Hier genügt in der Regel eine einmalige Bestimmung, weil der Wert im Laufe des Lebens meist weitgehend konstant bleibt. Wer einen erhöhten Lp(a)-Wert hat, wird ihn meist auch später behalten. Das gilt umgekehrt auch für niedrige Werte. Der Grund ist, dass die Höhe des Lp(a)-Werts größtenteils (ungefähr zu 90 Prozent) erblich festgelegt ist. Ernährung, Bewegung und die derzeit verfügbaren Medikamente beeinflussen ihn praktisch nicht.
Erhöhte Lp(a)-Werte können in Familien gehäuft auftreten. Die Vererbung erfolgt autosomal-dominant. Das bedeutet: Hat ein Elternteil einen stark erhöhten Lp(a)-Wert, besteht für jedes leibliche Kind eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent, ebenfalls erhöhte Werte zu haben. Wenn also bei einer Blutuntersuchung bei einem Mitglied der Familie hohe Werte aufgefallen sind, ist es naheliegend, dass auch andere enge Verwandte betroffen sind. In einer Familienanamnese wird daher abgefragt, ob auch bei anderen hohe Lp(a)-Werte bekannt sind oder ob Herzinfarkte, eine schwere KHK oder Schlaganfälle bereits in jüngeren Jahren aufgetreten sind. Wenn ja, dann sollte auch das Blut naher Angehöriger wie Eltern, Geschwister oder Kinder untersucht werden.
Das Bewusstsein für Lp(a) als kardiovaskulärer Risikofaktor ist deutlich größer geworden. Dennoch wird das Blutfett im klinischen Alltag aber noch nicht regelmäßig gemessen. Gründe sind unter anderem unterschiedliche Messmethoden, die bisher begrenzte Verankerung in der Routineversorgung und die Tatsache, dass es bislang nur eingeschränkt Behandlungsmöglichkeiten gibt.
Symptome und Handlungsmöglichkeiten
Ein erhöhter Lp(a)-Wert verursacht keine spürbaren Symptome. Beschwerden entstehen meist erst dann, wenn sich bereits Gefäßveränderungen oder Folgeerkrankungen entwickelt haben, etwa eine koronare Herzkrankheit, ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall. Den Lp(a)-Wert selbst kann man durch Ernährung, Bewegung oder klassische Blutfettsenker kaum beeinflussen. Umso wichtiger ist es, alle anderen Herz-Kreislauf-Risikofaktoren konsequent zu kontrollieren, da diese sich sonst unheilvoll ergänzen. Dazu gehören vor allem:
LDL-Cholesterin senken, Blutdruck gut einstellen, Blutzucker kontrollieren, sich gesund und ausgewogen ernähren, nicht rauchen, Normalgewicht anstreben, körperlich aktiv bleiben. So lässt sich das Gesamtrisiko deutlich senken, auch wenn der Lp(a)-Wert selbst hoch bleibt. Gerade bei erhöhtem Lp(a) ist Prävention entscheidend. Ziel ist es, Gefäßschäden möglichst zu verhindern, bevor Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine Arteriosklerose entstanden sind.