Klimawandel und Reiseverhalten

Wir Menschen sind Herdentiere. Ehe sich bei uns etwas ändert, dauert das ziemlich lange. Doch der Klimawandel und die Hitzeperiode scheint zu mindestens etwas in den Köpfen zu bewegen. Ob es dann auch tatsächlich umgesetzt wird, bleibt offen. Wie Camper auf veränderte klimatische Bedingungen reagieren, hat luckx – das magazin recherchiert.

Coolcation?

So reden viele über das Reisen in kühlere Regionen. Da steht Skandinavien für uns Deutsche ganz weit oben in der Reihenfolge. Insbesondere für Camper kann das eine Alternative zum Mittelmeer sein. Oder etwa doch nicht? Denn wer Sonne, Strand und Meer sucht, findet das auch im hohen Norden. Nur die Wassertemperaturen lassen eher keine Badefreuden aufkommen. Doch wer den steigende Temperaturen und veränderte klimatische Bedingungen ausweichen möchte, kann dort gut aufgehoben sein. Das scheint sich zunehmend auf die Reiseplanung europäischer Camper auszuwirken, wie die aktuelle Saisonanalyse von PiNCAMP für die Reisejahre 2023 bis 2026 zeigt. Dort wird ein Trend beobachtet: Die Nachfrage verteilt sich stärker über das Jahr und über mehrere Regionen Europas. Während Südeuropa weiterhin den Großteil der deutschen Campingreisen auf sich vereint, gewinnen kühlere Reiseziele im Norden sowie Reisen außerhalb der klassischen Sommerferien an Bedeutung.

Südeuropa weiterhin ganz oben

Trotz veränderter Reisegewohnheiten bleibt Südeuropa das Traumreiseziel für deutsche Camper. Frankreich, Italien, Spanien, Kroatien und Portugal vereinen im Hochsommer insgesamt 67% des Buchungsvolumens aller betrachteten Länder. Gleichzeitig zeigt sich eine zunehmende Verteilung der Nachfrage auf verschiedene Regionen Europas. Während die Zahl der Buchungen für südeuropäische Länder für den Sommer noch leicht unter Vorjahresniveau (-2 %) liegt, wachsen kühlere Destinationen in Mitteleuropa (+6%) und Nordeuropa (+15%) stärker. „Südeuropa bleibt das Traumreiseziel des europäischen Campingtourismus. Gleichzeitig beobachten wir, dass Camper ihre Mittelmeerreisen zunehmend differenzierter planen als noch vor wenigen Jahren. Die Hauptsaison stagniert, die Nachfrage verlagert sich immer häufiger in die Nebensaison” , sagt Uwe Frers, Campingexperte und Geschäftsführer von PiNCAMP.

Nachfrageveränderungen

Die Entwicklung fällt zeitlich mit einer zunehmenden Hitzebelastung in Europa zusammen. Laut dem aktuellen Klimabericht European State of the Climate 2025 des EU-Klimadienstes Copernicus ist Europa der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde. Seit Mitte der 1990er-Jahre steigen die Temperaturen um rund 0,6 Grad Celsius pro Jahrzehnt – mehr als doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Im Sommer 2025 wurde Europa von mehreren außergewöhnlichen Hitzewellen erfasst. Allein die Hitzewelle im Juli 2025 dauerte 25 Tage und zählt zu den schwersten seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch im Mai 2026 wurden bereits Rekordwerte in Frankreich (38 Grad) und Portugal (40 Grad) gemessen. Parallel zu den klimatischen Veränderungen hat auch die Preisentwicklung einen Einfluss auf die Reiseplanung der Camper. Die Campingdestinationen mit den höchste Preisen liegen überwiegend im Süden Europas. Laut Preisanalyse 2026, kostet eine Campingnacht in der Hochsaison für eine Familie in Kroatien durchschnittlich 73 €, in Italien 63 € und in Spanien 58 €. In Norwegen (38 €), Schweden (40 €) und Deutschland (41 €) liegen die Durchschnittspreise deutlich niedriger. „Wo hohe Sommertemperaturen und hohe Reisekosten zusammenkommen, beobachten wir eine erste Veränderung in der Nachfrage, hier besteht Offenheit für alternative Reiseziele oder Reisezeiträume“, sagt Frers.

Trend „Coolcation“

Von dieser Entwicklung profitieren im Hochsommer vor allem Regionen mit milderen klimatischen Bedingungen. Das Phänomen der „Coolcation“ – das gezielte Ausweichen in kühlere Urlaubsregionen während der Sommermonate – schlägt sich erstmals spürbar in den aktuellen Buchungsdaten nieder. Die nordeuropäischen Länder Dänemark, Schweden und Norwegen verzeichnen im Juli und August insgesamt ein Wachstum von 15 % gegenüber dem Vorjahr. Noch deutlicher wird der Trend im langfristigen Vergleich: Seit 2023 ist die Nachfrage nach Campingurlauben in Skandinavien während der Sommermonate um 68 % gestiegen. Auch Mitteleuropa entwickelt sich positiv, besonders stark legen die Niederlande (+22 %) und Deutschland (+10 %) zu. „Der Trend zur sogenannten Coolcation wird zunehmend sichtbar. Urlauber suchen nicht weniger Sonne, sondern angenehmere Bedingungen während der heißesten Wochen des Jahres“, sagt Frers.

Längere Campingsaison

Das sich die Campingsaison verändert zeigt sich besonders bei den Reisenden mit Wohnmobilen und Vans. Besonders jüngere Camper zieht es auch in der kälteren Jahreszeit mit dem Freizeitfahrzeug hinaus. So zeigen sich die größten Veränderunge bei den Reisezeiträumen. Sowohl im Frühjahr als auch im Herbst wachsen die Buchungen deutlich stärker als in den klassischen Sommerferien. Besonders die traditionellen Urlaubsländer in Südeuropa profitieren davon, dass sich die Nachfrage zunehmend auf Frühjahr und Herbst verteilt. Angenehmere Temperaturen außerhalb der Hochsommermonate sowie eine größere zeitliche Flexibilität vieler Campingurlauber machen Reisen nach Südeuropa über das ganze Jahr hinweg attraktiver. Die Daten zeigen damit keine Abkehr von einzelnen Urlaubsregionen, sondern eine stärkere zeitliche und geografische Verteilung der Nachfrage. „Die Urlaubslandkarte entzerrt sich zeitlich. Statt einer extremen Konzentration auf wenige Sommerwochen sehen wir die Entwicklung hin zu einer längeren Campingsaison. Südeuropa wird zum Ganzjahresreiseziel für Camper. Davon profitieren Urlauber ebenso wie viele Tourismusregionen in Europa“, sagt Frers.

Sicherlich ist es auch das dargestellte Verhalten aufgrund hoher Temperaturen und Klimawandel, dass Camping sich mehr über das Jahr verteilt. Doch der Griff in den Geldbeutel macht vielen Campern mehr zu schaffen als der Klimawandel. Wer 70 oder mehr Euro für eine Übernachtung auf einen Campingplatz bezahlt, überdenkt sein Sommerreiseziel sehr schnell. Denn in der sogenannten Nebensaison purzeln die Preise im sonnigen Süden. Und wer auch im Sommer campen möchte, probiert neue Destinationen zu günstigeren Preisen auch im Norden Europas einmal aus. Da Camper Ruhe und Natur bevorzugen, liegen sie mit ihren Entscheidungen goldrichtig. Das kann auch eine Warnung an die überzogenen Campingpreise verstanden werden.

Die Pincamp Analyse basiert auf anonymisierten Buchungsdaten für die Reisejahre 2023 bis 2026 (Stand: Juni 2026). Für die Auswertung wurden drei Regionen betrachtet: Nordeuropa: Dänemark, Schweden, Norwegen

Mitteleuropa: Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande

Südeuropa: Frankreich, Spanien, Italien, Portugal, Kroatien

Für bereits abgeschlossene Reisezeiträume wurden tatsächliche Buchungsdaten ausgewertet. Für noch bevorstehende Reisezeiträume basiert die Analyse auf dem aktuellen Buchungsstand und dient als Trendindikator für das laufende Reisejahr.